Fülöp Gyula (szerk.): Festschrift für Jenő Fitz - Szent István Király Múzeum közleményei. B. sorozat 47. (Székesfehérvár, 1996)

T. Pekáry: Bevölkerungsrückgang im Römiscen Kaiserreich? zu Aussagen Antiker Autoren

keinen Menschen mehr an'15 16 17 18’. Bekräftigt wird diese Aussage durch die ‘Euboische Rede’ des Zeitgenossen Dio Chrysosto­­mos. Zwei Drittel des Landes sei wegen Sorglosigkeit und Men­schenmangel verwildert1161. Darf man diese Angaben als rhetori­sche Topoi behandeln und kurzerhand beiseiteschieben? Wenn man andere Autoren, wie besonders Pausanias, ferner das epigraphische und archäologische Material heranzieht, ent­steht ein viel differenzierteres Bild, vie es z. B. U. Kahrstedt für die hohe Kaiserzeit zu zeichnen versuchte'17). Trotz methodi­scher Schwächen des Buches wird es klar, daß zwar einzelne Siedlungen von der Landkarte verschwunden sind und gewisse Gebiete offenbar weitgehend verödeten, andere jedoch wieder aufblühten oder sogar erst in der Kaiserzeit gegründet wurden. Neue Forschungsansätze sind zusammengefaßt mit methodi­schen Überlegungen und ausführlicher Bibliographie von S. E. Alcock, Roman Imperialism in the Greek landscape<18) Natürlich gab es Wüstungen und es fehlte nicht an Versuchen der Kaiser, solche durch Stuererleichterungen oder Ansiedlun­gen wieder urbar zu machen, nicht nur in Griechenland, sondern auch anderswo, selbst in Italien'19 20’. Trotzdem wird kaum je­mand Plutarch Glauben schenken, wenn er erzählt, zur Zeit der Schlacht von Plataia hätten die Megarier 3000 Bewaffnete stel­len können, heute jedoch wäre nicht einmal ganz Griechenland dazu fähig120’. Bevölkerungsrückgang in Griechenland wird allerdings nicht erst in der Zeitwende vom 1. zum 2. Jh. n. beklagt. Schon Polybios spricht von verlassenen Häusern und Höfen, verödeten Städten, brachliegendem Land. Schuld daran seien Ehelosigkeit und zu kleine Zahl an Kindern'21’. Klagen über niedrige Kinder­zahlen wiederholen sich bei kaiserzeitlichen griechischen Auto­ren: Homosexualität und der Wunsch, den Besitz nicht unter vielen Erben aufteilen zu müssen, seien daran schuld'22’. Sind dies nun wiederum literarische Topoi und wenn nicht, auf wel­che Bevölkerungsschichten bezieht sich die Kritik? Im stadtrömischen Senat scheint die Kinderzahl tatsächlich sehr niedrig gewesen zu sein. Darauf deuten wohl bereits die augusteischen Ehegesetze hin. G. Alföldy hat errechnet, daß im 2. Jh. n. Chr. nur jeder zweite Consul einen Sohn hatte, der das consulatsfähige Alter erreicht hat'23’. Bekannt ist, daß die meisten Kaiser keine erwachsenen Söhne hinterlassen ha­ben: weder Augustus, der nur eine Tochter hatte, noch Tiberius, Caligula, Claudius oder Nero. Vespasian mit Titus und Domiti­an war bereits die Ausnahme. Dann folgt wiederum eine Lücke von mehr als einem Jahrhundert. Mark Aurel schließlich hatte sieben Söhne, doch nur einer, Commodus, erreichte das Er­wachsenenalter. Und um noch ein Beispiel anzuführen: von den senatorischen Schriftstellern hatte Tacitus offenbar keine Kin­der, der jüngere Plinius ebenfalls nicht, obwohl er dreimal ver­(15) bes. 413 E ff. (16) Dio Chrys. or. 7, 34. (17) U. Kahrstedt, Das wirtschaftliche Gesicht Griechenlands in der Kaiserzeit, 1954. (18) Journal of Roman Archaeology 2, 1989, 5 ff. (Freundlicher Hinweis von P. Funke). (19) Einiges dazu z. B. bei C, P. Jones, The Roman World of Dio Chryso­stom, 1978, 59 f. (20) Plut. Mor. 414 A. (21) Polyb. 36,17; dazu etwa P. Salmon, Population et dépopulation dans l'Empire Romain, 1974, 117 ff. (22) H. GraSSL, Sozialökonomische Vorstellungen in der kaiserzeitlichen griechischen Literatur, 1982, 56 ff.; vgl. auch E. Eyben, Family Planning in Graeco-Roman Antiquity, Anc. Soc. 11/12. 1980/81, 5 ff. (23) G. Alföldy, Konsulat und Senatorenstand unter den Antoninen, heiratet gewesen ist; Fronto hatte 6 Töchter, von denen fünf früh verstorben sind. Doch dürfen wir die Verhältnisse im römischen Senat nicht einfach auf die Reichsbevölkerung projizieren. Die Klagen ver­schiedener griechischer Autoren dürften teilweise ebenfalls rhe­torische Topoi sein. Auch in diesen Fällen sind wir kaum in der Lage, etwas über Bevölkerungszuwachs oder -abnahme in Grie­chenland oder anderswo auszusagen. Aussagekräftiger ist dann schon ein erst vor wenigen Jahren veröffentlichter Papyrus aus dem J. 169/70 n. Chr.'24’ Von den über 50 Ortschaften, die in diesem Steuerdokument aufgezählt werden, sind etwa 20 verlassen, obwohl vor wenigen Jahren dort noch eine steuerpflichtige Bewohnerschaft vorhanden war. Im Dorf Nemeo ist die Zahl der Steuerzahler von 150 auf 11 zurück­gegangen, in Psenathre von 89 auf 2, in den meisten weiteren Dörfern ist keine menschliche Seele mehr anzutreffen'25’. Die Ursachen des Bevölkerungsschwundes sind nur vereinzelt ange­geben: Teils waren es Räuber, teils auch gegen Unruhestifter hingeschickte römische Soldaten, die die Bevölkerung nieder­metzelten; erwähnt wird aber auch die Pest. Auch in anderen ägyptischen Dörfern wurde die Entvölkerung beobachtet'26’. Die große Pestwelle unter Mark Aurel wird freilich häufig erwähnt, wenn von Krisenursachen die Rede ist. F. J. Gil­liam hat jedoch überzeugend gezeigt, daß wir über den Aus­maß der Seuche und über die Zahl der Opfer weder zuverlässige Angaben, noch verifizierbare Vorstellungen besitzen'27’. Keines­falls darf diese Pest mit den mittelalterlichen Pestwellen in Euro­pa verglichen werden. Jedoch war diese Pestwelle nicht die einzige im römischen Reich, sie wurde von zahlreichen gefolgt, wie es die schöne amerikanische Dissertation von D. Weitz zeigt'281: Die Seuche setzt sich unter Commodus fort'29’; dann berichtet die allerdings unzuverlässige Historia Augusta von Pest unter Elagabal'301; von Hunger und Krankheit im Heer um 230 spricht Herodian'3”. Die ganz große Pestwelle begann aller­dings erst um 250, sie wird von zahlreichen Autoren erwähnt'32’, und dauerte nach Zonaras 15 Jahre'33’, möglicherweise jedoch noch länger. Auch wenn wir natürlich auch in diesem Fall keine statistischen Angaben vorliegen haben, gewinnt man doch den Eindruck, daß diese Seuche bedeutend mehr Menschen dahinge­rafft haben könnte, als die unter Mark Aurel. Einiges scheint tatsächlich dafür zu sprechen, daß die Pest unter Mark Aurel nicht das ganze römische Reich gleichmäßig heimgesucht hat. Tertullian schrieb ‘de anima’ in der Zeit um 210/13, also ein halbes Jahrhundert nach der Pest. Hören wir, was er zu sagen hat: „Es ist doch ganz offensichtlich, daß der Erdkreis selbst täglich intensiver bewirtschaftet und besser aus­gerüstet wird. Alles ist schon mit Straßen durchzogen, alles bekannt, alles für die Geschäfte offen. Anmutige Landgüter 1977,84 ff. Vgl. auch J. Hahn und P. M. M. Leunissen, Phoenix 44. 1990, 60 ff (24) S. Kambitsis, Le papyrus Thmouis 1, colonnes 68-160, 1985. (25) Vgl. bes. 25 ff mit der Tabelle S. 31. (26) Vgl. z. B. N. Lewis, Life in Egypt under Roman Rule, 1983, 68. (27) J. F. Gilliam, The Plague under Marcus Aurelius, AJPh 82,1961,225 ff.; =ders., Roman Army Papers, 1986, 227 ff. (28) D. Weitz, Famine and plague as factors in the collapse of the Roman Empire in the third century, 1972. (29) Herodian 1, 12; CDio 72, 14, 3-4. (30) HA Elag. 20, 5. (31) Herodian 6, 6, 2. (32) Quellen; Weitz (wie Anm. 28), 105 ff.; Boák (wie Anm. 2), 136 f. (33) Zonar. 12, 21. 82

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