Fitz Jenő (szerk.): Kunst und Mythologie der Landnehmenden Ungarn - István Király Múzeum közelményei. A. sorozat 23. (Székesfehérvár, 1979)

Operationen aus demselben Grunde Vornahmen. Andererseits vernachlässige ich die Angaben über die Trepanationen der heutigen Völker der fernen Kont inente und stütze mich eher auf die vergleichende Völkerkunde, die gute Beobachtungen über uralte Krankenheitsursachen und den damit eng zusammen­hängenden heidnischen Seelenglauben liefert. Aus den Funden geht klar hervor, daß die Schama­­nen-Heiler die Schädeltrepanation überall im Lande geübt hatten. Bei 17,4% der aus dem 10. Jahrhundert erhaltenen Schädel, die sich — weil in besserem Zustand — leichter untersuchen lassen, kann eine symbolische Trepanation beobachtet werden, bei welcher nur die obere Schichte des Schädelknochens auf grösserer oder kleinerer Fläche abgesplittert oder abgemeißelt wurde; manchmal begnügte man sich sogar mit dem Einritzen der Oberfläche des Knochens. Bei 5% der Fälle wurde wirklich trepaniert, d. i. der Schädel­knochen durchgeschnitten, die Knochenscheibe ent­fernt und der Schädel geöffnet. An einem und dem­selben Schädel wurden oft mehrere symbolische Trepanationen — undzwar nacheinander in verschie­denem Alter des Kranken — vorgenommen, und es ist auffallend, daß die leichteren Eingriffe der schwe­ren und gefahrvollen Operation, dem kritischen Öff­nen des Schädels vorangingen. Die Untersuchungen von János Nemeskéri und seiner Arbeits­gruppe haben bewiesen, daß diese mysteriösen Operationen für die Behandlung von Verletzungen oder krankhaften Veränderungen des Kopfes nicht nötig waren, also keinen unmitelbaren therapeu­tischen Beweggrund hatten; es scheint also sicher, daß hier auf zeremonielle Weise dem Kranken zu helfen beabsichtigt war. Daß dieser magische Ein­griff eben am Schädel durchgeführt wurde, läßt ahnen, daß das Ziel der zeremoniellen Schädelöffnung das Zurückführen der im Kopfe wohnenden und von ihrem Platz entwichenen Seele war, der Eingriff also mit dem Glauben an den Seelenverlust zusammen­hing. Der einzige Weg zur Genesung des Kranken war das Auffinden und Heimführen seiner verlorenen Seele. Es mußte rasch gehandelt werden, weil die entweder aus eigenem Villen entwichene, oder — wahrscheinlicher — von den bösen Dämonen aus dem Körper durch Schrecken gelockte, mit Niesen auf­geschreckte, oder durch wilden Wind ausgetriebene und so in die Falle der feindlichen Mächte geratene Seele zahlreiche Prüfungen zu erdulden hatte. Und was die Seele zu ertragen gezwungen war, schadete auch dem Körper : seine Entkräftung, seine Schmerzen wurden dadurch erklärt, daß die weite Fernen durch­wandernde Freiseele Böses erleiden mußte. Die Hilfe hatte auch rasch zu sein, weil die Seele, die bei ihrem Aufbruch erst \Togelgröße besaß, sich mit der Zeit vom Körper vollständig abspaltete und zur Doppel­seele, zum Doppelgänger des Menschen entwickelte. Der einstige Seelenvogel zeigte sich nach und nach den Angehörigen und Fremden, besonders jedoch dem Schamanen immer ähnlicher seinem Besitzer, was als Vorzeichen des Todes gedeutet wurde; die vom Körper für immer losgelöste Seele verkündete näm­lich, daß das Schicksal des Menschen besiegelt war. Die Seele war nicht mehr ein schattenartiger, flüch­tiger Geist, wie die Freiseele, sondern war im Begriff sich zum Gespenst zu verwandeln, sie nahm im­mer materiellere Züge an. Die Volksdichtung der Ob-Ugrier beschreibt den Schattengeist der Toten als eine körperhafte Erscheinung. Die uns verwandten Völker glaubten, daß die Augen dieser herumirrenden Schattengeister ein ähnliches Totentuch bedecke, wie jenes, mit welchem einige Völker der Finnougrier — darunter auch die Ungarn — vom 6—8. Jahrhundert ab das Gesicht des aufgebahrten Toten bedeckten, was verkünden sollte, daß die Seele sich schon auf den Weg im Jenseits vorbereitet hatte. Alldies in Betracht gezogen war es ratsam, — wenn der Kranke seine Seele nicht rechtzeitig herbeischaffen konnte, — sich rasch um Hilfe an den Geisterseher-Schamanen zu wenden, der mit Hilfe seines Raubvogel-Helfergeistes auch die in fernen Ländern herumstreifenden Seelen einfangen konnte, oder diese durch Opfer aus der Gefangenschaft der „die Farbe der Menschen verwel­kenden Kräfte” befreite, und die Seele mittels großer Zeremonien auf ihren natürlichen Platz, in den Kopf des Kranken zurücklockte. Aus einigen vergleichenden ethnographischen Angaben aus dem Osten erfahren wir, daß die heimkehrende Freiseele sich auf die Stirne niederläßt und der Schamane die gefangene Seele durch das Ohr des Kranken in den Kopf zurücknötigt (z. B. bei den Ostjaken, Teleuten). Es mag deshalb schwerlich ein Zufall sein, daß der bedeutende Teil der trepanierten Schädel die Spuren der Operation am vorderen und Mittelteil des Schä­deldaches und an den seitlichen Scheitelbeinen zeigen. Wenn die einfacheren Zaubereinen nicht halfen, war es an diesen Punkten des Schädels, wo der Schamane — seinem eigenen Gutachten und dem Zustand des Kranken entsprechend — einen Schnitt symbolisch oder wirklich ausübte. Diese wurde nur dann vorge­nommen, wenn es sich herausstellte, daß die Seele durch die natürlichen Öffnungen des Schädels oder mit magischen Mitteln — z. B. zeichnete der Scha­mane mit den Fingern Kreise auf den Schädel, welche der Seele den Heimweg zeigen sollten — nicht mehr zurückgelockt werden konnte. Der Umfang der Schädelbohrung hing davon ab, wie die Zeit der Seelenentweichung — aus dem Zu­stand des Kranken gefolgert — eingeschätzt wurde. Wenn die Seele sich erst vor kurzem entfernt hatte, experimentierte man mit den einfacheren Methoden. Wenn sie sich jedoch seit längerer Zeit in der Ferne aufhielt und es angenommen werden konnte, daß sie sich bereits zum Doppelgänger zu entwickeln begann, meißelte man um das ganze Schädeldach herum und hob es ab, damit der bereits großgewachsene Seelen­schatten auf seinen Platz zurückschlüpfen könne, wenn er zum Kopf zurückkehrte. Es wird vermutet, daß der Schamanismus bei den sibirischen Völkern eben deshalb so lange blühte, weil diese Völker derart eigentümliche Vermutungen über die Gründe der Krankenheiten und des Todes besaßen, und der 28

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