Fitz Jenő (szerk.): Kunst und Mythologie der Landnehmenden Ungarn - István Király Múzeum közelményei. A. sorozat 23. (Székesfehérvár, 1979)
zeugt davon werde, daß wirklich die in Frage stehende Krankheit auf das Renntier übergegangen ist. Wenn die Zauberei gelang, wurde das Tier lebendig begraben, damit der Krankheitsdämon in seine richtige Heimat, das Innere der Erde zurückkehrt, von wo er sich getraut hatte herauszukommen, um den Menschen zu quälen. Bei Seelenverlust wurde als sicher angenommen, daß das Entweichen der Freiseele an der Krankheit schuld war. Über einige sibirische Völker wird berichtet, daß irgendeine Körperseele als „verlorene Seele” erwähnt wird, welche jedoch niemals die wirkliche lebensspendende Seele, d. i. die „Atemseele” war, deren Verschwinden den Tod bedeutet, sondern eine eigentümliche, als Freiseele auftretende Körperseele. Diese Vorstellung ist nur aus dem klassischen Gebiet des Schamanismus, dem Kreis der altaischen Sprachfamilie angehörenden Völker bekannt, die eine eigentümliche Abart des Schamanismus pflegen und diesen schamanistischen Glauben bis in die jüngste Vergangenheit behalten haben. Sie riefen eine sehr verwickelte, abstrakte Seelenideologie ins Leben: einen Seelenpluralismus, dessen auffallendster Zug ist, daß mehrere Lebensseelen als sekundäre Freiseelen, d. h. vom Körper unabhängig existieren können. Da bei den Ugrofinnen weder der späte, sich bereits überlebte Schamanismus, noch der Glaube an eine Seelenmehrheit, welche sich aus langen schamanistischen Überlieferungen entwickelt hatte und mehrfach umgedeutet wurde, bekannt und Dank der regen Phantasie weit verbreitet war, kann mit Recht angenommen werden, daß bei den Altungarn der Begriff „Seelenverlust” eindeutig das Entweichen der „Kopfseele” bedeutete. Man glaubte, daß manchmal die Seele sich aus eigenem Willen vom Körper entfernte, sie mochte sich aus purer Neugier oder Indiskretion seinem Inhaber gegenüber auf den Weg machen. Außerdem konnte das Entweichen der Seele durch einen größeren Schreck verursacht werden. Am häufigsten jedoch kam es vor, daß feindliche Wesen — Geister oder Tote — die Seele erwischen und vernichten, oder sie ins Reich der Toten mit sich schleppen wollten. Dies nannte man „Seelenraub”. Wenn die Seele nur herumschweifte und irgendwo frei umherflog, mochte sie auf den einfachen Ruf ihres Besitzers oder des Schamanen zurückkehren, oder sie konnte mit ihrer Lieblingsspeise oder ihrem Lieblingsgetränk angelockt werden. Eventuell setzten ihr die Hilfegeister des Schamanen nach und zwangen sie zur Rückkehr. Es war ein viel ernsterer Fall, wenn die Seele von den bösen Geistern gefangengenommen war. In diesem Fall mußte der Schamane, genauer seine aus dem Körper ausgesandte Tranceseele, die verlorene Seele verfolgen, manchmal die weitesten Winkel des Weltalls durchstreifen, um die gesuchte Seele zu finden, dann mit Gewalt oder List befreien, eventuell durch ein Opfer aus der Gefangenschaft lösen. Es wird berichtet, daß die wichtigste Aufgabe der Tranceseele des Schamanen eben das Auffinden und Heimbringen der verlorenen Seelen war, da er nur so den bedrängten Kranken helfen konnte. Hier wollen wir nicht mehr über die Seelenentweichungs-Krankheiten sprechen, da wir diese Frage noch im Zusammenhang mit den landnehmenden Ungarn erörtern werden. Wir müssen bloß bemerken, daß — wie bei den eingedrungenen Krankheiten — der Schamane auch in diesem Falle das Gelingen der Zeremonie ausdrücklich zu beweisen hatte, d. i. daß es ihm gelungen war die Seele zurückzuzaubern und sie sienem Eigent ümer zurückzugeben, um ihn zu heilen. Von den Wotjaken wird erzählt, daß einst die Seelenentweichungen geheilt wurden, indem die Zauberin einen grauen Falter mit ihrem Tuch einfing — laut dem Glauben dieser Völker repräsentierte der graue Falter, der „Urt-Schmetterling”, die wandernde Seele — diesen sorgfältig in ihr Tuch wickelte und das Tuch daheim an den Hals des Kranken band. Nächsten Tag wurde Blei gegossen, um festzustellen, ob wirklich die Freiseele des betreffenden Kranken gefunden war. — Der Schamane der Tschuktschen sammelt die winzigen entflohenen „Körperteilenseelen ” (uvirit) in Form kleiner schwarzer Käfer. — Die Schamanen der Altaivölker zeigen die entflohene sekundäre Freiseele (tula) in Form einer kleinen weißen Kugel vor, die sich wie Quecksilber bewegt. — Bei den Jakuten, wenn der Schamane die Seele (kut, ebenfalls eine sekundäre Freiseele) des vor Entsetzen Erkrankten erwischt hat, wift er diese in Form eines Sternchens oder Stückchen Kohle ins Gesicht des Kranken. All diese Krankenheitsvorstellungen stammen aus uralter Zeit und da es mir gelang, sowohl für die eingedrungenen Krankheiten, wie auch für die Seelenverlust in den Beschreibungen der Weltreisenden des Mongolenzeitalters Beispiele zu finden, scheint es unbezweifelbar, daß diese Krankheitsvorstellungen und -glauben auch bei den landnehmenden Ungarn verbreitet waren. Heilung der Krankheit des Seelenverlustes : zeremonielle Eröffnung des Schädels. — Wir sahen, daß der Schamane die Auffindung und Rückgabe der verlorenen Seele der Gemeinde entsprechend zu beweisen und zu veranschaulichen hatte; nun stellen wir die Frage, wie dies bei den landnehmenden Ungarn zuging? Dies ist leicht zu beantworten, da im Nachlaß aus dem 10. Jahrhundert sich viele Spuren von Zaubereien mit dem Schädel befinden. Ich selber betrachte die Gewohnheit des Eröffnens des Schädels als den beredtesten Beweis der uralten Seelenvorstellungen, d. i. der Heilung der Krankheit des Seelenverlustes. Vielleicht gelang es mir deshalb den richtigen Sinn dieser so rätselhaften Sitte zu enthüllen, weil ich mich mehrfach von den bisherigen Annäherungsmethoden der Frage ab wandte. Einerseits näherte ich mich ihr, indem ich die symbolischen und wirklichen Trepanationen und sogar die Schädeleinritzungen als zusammenhängende Einheit betrachtete, da ich überzeugt war, daß auch die Altungarn diese 27