Müller-Walter Judit: Mehr als Lebensgeschichten. Schicksale (Pécs, 2010)

Tante Resi Frau Lauer, geborene Theresa Löfler. Sie kam am 23. März 1926 in Räcmecske (heute Erdősmecske) zur Welt. Während ihrer Abwesenheit in der Sowjetunion, starb zu Hause ihre Mutter und ihr Bruder wurde interniert. Der Familie verlor ihren gesamten Besitz. Heute lebt sie in Pécsvárad. „Ich wagte hier zu Hause nichts zu sagen. Wo ich war und was dort geschehen ist. Nicht einmal meinem Sohn, sie erfuhren es von jemand Anderem. Man sagte uns, wir dürften über das Ganze nicht sprechen, natürlich hatten wir Angst. Dieser Schmerz wird nie aufhören, der bleibt uns erhalten, solange wir leben. " Damals war ich 18 Jahre alt. Wir versammelten uns vor dem Haus des Notars am Tag nach Weihnachten des Jahres 1944. Die Partisanen bewachten uns. Sie sagten uns wir sollten keine Sachen mit uns nehmen, weil wir ins südliche Fachland zur Maisverarbeitung gebracht werden. Die Partisanen begleiteten uns mit Waffen, wir mussten in Zweierreihen laufen, wir durften nicht einmal zurückschauen. Wir kamen nach Pécsvárad. Dort stand ein leeres Gebäude, vielleicht gehörte es einmal Juden, wir setzten uns auf die Treppen und verbrachten dort die Nacht. Einige Tage daraufwaren wir in Pécs, während dessen kamen meine Mutter und meine Schwester auch zu uns, aber es war nicht erlaubt sich zu treffen. In dieser Zeit, in der ich nicht zu Hause war, nahm sich meine Mutter das Leben, und mein Bruder wurde interniert und nach Budapest geschickt, weil er für die Sowjetunion zu jung war. Von all dem wusste ich nichts. Hätte ich es gewusst, wäre ich vielleicht nie wieder zurückgekehrt. Man erzählte sich, dass während meine Mutter bestattet wurde, viele Siedler bereits unser Haus plünderten. Die Stadt in die wir gebracht wurden hieß Horlowka und wir arbeiteten im Bergwerk Nummer 19-20. Jedem morgen mussten wir uns im Lager aufreihen, dann wählte der Kommandant aus, wer von uns in die Mienen gehen konnte und wer oben arbeiten sollte. Wer ein wenig kräftiger aussah ging in die Kohlemiene. Ich arbeite die ganze Zeit über unten, ich hatte nie eine andere Arbeit. Erst teilte man mich mit russischen Mädchen ein, denn wir wussten ja gar nicht was wir zu tun hatten. Vor allem wir Frauen arbeiteten in den Mienen, die meisten Männer sind ja nicht aus dem Krieg zurückgekehrt. Jedesmal, wenn wir in die Miene hinabgestiegen sind, sagten wir einander: „ Na, im Namen des Herrn". Es gab fast keine Ruhetage, doch selbst wenn es welche gegeben hätte, waren sie sogleich gekommen, dass wir weiterarbeiten sollen, denn es seien zu wenig, die unten arbeiten. Selbst an Heiligabend war ich zweimal im Nachtdienst. Das vergesse ich nicht, ich stand auf dem Karren und sang dort alleine ein Weihnachtslied: Aus dem Himmel hoch, kam der Engel hernieder. .. Tante Resi heute mit 82 Jahren. Sie war zu Beginn unseres Gesprächs sehr verschwiegen. Sie öffnete sich aber letztlich doch.

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