Müller-Walter Judit: Mehr als Lebensgeschichten. Schicksale (Pécs, 2010)
Zuerst "beobachteten sie immer, wer das Tor verliess. Später nicht mehr, man konnte ja sowieso nicht fliehen, wohin denn auch. Manche Männer versuchten es, aber natürlich fing man sie wieder ein und sperrte sie weg. Manchmal gingen wir auf den Markt, aber wir konnten uns nur umschauen, denn wir hatten kein Geld. Einmal durften wir in die Kirche. Wir taten dem Priester ganz schön Leid. Ich habe Unmengen an Kohlestaub eingeatmet, und war aus diesem Grund sehr häufig im Krankenstand und vor der ärztlichen Komission zur Untersuchung. Ich wurde dort sehr krank, aber zu Hause wagte ich es nicht darüber zu sprechen wo ich solange gewesen bin und weshalb ich so stark husten würde. Der Arzt fragte mich auch immer: Ja, Resi wo hast du dich denn nur so sehr erkältet? Sehr viele starben, auch in der Miene, sogar mehrere am Tag. Diese brachte man mit einem Wagen davon, und begrub sie in der Gegend. Wir konnten uns nie von ihnen verabschieden. Es gab auch nie eine Zeremonie. Bevor ich heimkehrte, ging ich einmal dorthin, aber es war dort gar nichts zu sehen, nicht einmal ein kleines Kreuz . Ich konnte kein einziges mal Briefe versenden, und erhielt auch nie welche. Zu Hause wussten sie nur von jenen, die heimkehrten, wo sich die übrigen aufhielten. Draußen wollten sie nicht, dass man von uns weiß. Sie ließen nicht mal den Postmeister dorthin. Theresa Löfler (Später Frau Mátyás Lauer), Tante Resi. Verbrachte drei Jahre im Arbeitslager Horlowka, in dem sie immer im Bergbau, in den Mienen arbeitete. Sie musste täglich 320 Meter unter die Erde steigen, stets in durchweichten Stiefeln im Wasser arbeiteten. Bei ihrer Heimkehr erfuhr sie, dass ihre Mutter tot sei, und dass sie kein Zuhause mehr hatte, und dass dort nun andere, Siedler lebten. Bis zu ihrer Hochzeit fand sie bei der Familie ihrer Freundin Verica / Tante Verka Obdach. Für das Foto machten sie sich schick im Arbeitslager. . Ihre tägliche Tracht im Lager war diese Plusterjacke. Sie hob sie zur Erinnerung auf. Die Familie schenkte das Stück der Sammlung des stadtgeschichtlichen Museums in Pécsvárad.