Linzbauer, Franciscus Xav.: Codex Sanitario-Medicinalis Hungariae 3/2 (Budae, 1855)

Continuatio prima regiminis imperatoris ac regis apostolici Francisci (II.) I.

37 hujus classis homines, quam in horum parentes, cognatos, communitatem, omnemque denique Rempublicam, et principaliter in cultum divinum abunde den Zustand der Taubslummen, in welchen sie durch die Geburt, oder sonst zufälligerweise versetzt worden sind, näher betrachten. Wir werden daher den Taubstummen so, wie er sich vor empfangenem Unterrichte befindet, in seinem wahren Lichte darstellen. Ein jeder Taubstumme ist also ohne Erziehung , und Unterricht auf dieser Erde ein wahrer Waise, wo ihn alles dem thierischcn Wesen näher und näher hinzuführt, nichts aber davon abhält, oder zur menschlichen Würde erhebt; unfähig des geselligen Umganges, der geselligen Freude; unfähig sich von der rohen Sinnlichkeit zum Bewustsein der Vernunft zu erheben , wandelt er in blos­ser menschlichen Gestalt ganz einsam und verlassen unter andern Menschen um­her; er ist nicht im Stande seine Naturanlagen, und Seelenkräfte durch Uebuti- gen zu entwickeln, zu schärfen , und zu befestigen ; ja, was noch das Traurigste ist, aus Mangel an Uebung sinkt bei ihm sogar die Spannungskraft, bis sie nicht ganz verschwindet; blosse sinnliche Welt, die er anschauet, ist der Gegenstand seiner Beschäftigung ; denn Moral ist ihm unbekannt. Alle Eindrücke, die er empfangt, sind nur augenblicklich ; alle Bilder in seiner Seele nur ober flächig , und flüchtig: denn er hat nichts, woran er sie heften konnte; er bewundert, und verlangt zwar alles mit grosser Begirde; aber es fehlt ihm an Urtheilskraft. Unter blossen Erscheinungen lebt er dahin, ohne über die Ursachen der Entstehung dessen, was er sieht, vernünftige Betrachtungen anzustellen. Dies macht, dass er gedankenlos auch unter den grössten Haufen der menschlichen Gesellschaft, wie in einer fürchterlichen Einöde, her rumzuwandeln scheint, wo ihn eine ewige Stille umgibt, und er seiner ohmächtig mehr einer lebenden Maschiene, als einem Menschen gleicht. Dem Spot, und Hohngelächter aller Bösewichter ausgesetzt wartet er auf eine Hand, die ihn, und seine Natur­anlagen aus einem solchen Todesschlummer erwecke. So stehet es mit seinem Kopfe, noch trauriger aber mit seinem Herzen. Immer ein Spiel der zufälligen Eindrücke, welche die Dinge auf ihn machen, und der leidenschaftlichen Gefühle, welche in ihm auflodern , weiss er nichts von Gesetzen, und Pflichten, von Recht, und Unrecht; Gutes, und Böses, Tugend, und Laster sind für ihn wie nicht vorhanden; rohe Sinnlichkeit erstickt in ihm jeden Funken des moralischen Gefühls; er macht sich zum Mittelpunkte, worauf er alles richtet, und bezieht ; blind, und ohne aller Mässigung überlässt er sich mit stürmischer Heftigkeit jeder auf wallenden wilden Begirde, und iceiss keine anderen Grenzen, als nur die Ohnmacht deren Befriedigung ; aufgebracht über ein jedes Hinderniss , welches ihm , und seinem Bestreben in Wege steht, trachtet er es mit Ungestümm zu vernichten : andere Menschen haltet er nur für Werkzeuge, durch welche sein Begehren erfüllt, seine Vorstellungen , wenn er doch einige machen kann, zu Stande gebracht, und alles seiner Phantasie , und zügellosen Willen unterworfen werden sollte. Wie lästig, wie unnütz ein solcher Mensch der ganzen Menschlichen Gesellschaft sei, und wenn er zum Torn gereitzt wird , wie gefährlich, bciceist, Leider! die tägliche Erfahrung selbst. Und doch ist ein jeder Taubstumme nach dem Ebenbilde Gottes erschaffen; mit Sinnen , und allen den inneren Seelenkräften begabt, durch welche der Mensch sich von den übrigen Thieren unterscheidet; der Alllvater hat ihn nach seinen übrigen Gebrechen mit keiner Blödsinnigkeit bestraft, so , dass an ihm nichts zu hoffen wäre ; er ist Mensch , und als Mensch vermag er eine richtige Denkungsart zu erlernen : denn er hat sowohl Neigung , als Vermögen zur Erreichung allerlei Kentnissen, und Wissenschaften. So ist er geneigt zur Munterkeit, Freundlichkeit, Vertraulichkeit, und geselligen Umgänge , oder Mittheilung mit andern. Die Taubstummen - Institute zu Wien, München, Prag, Berlin, Leipzig, London, Amsterdam, und Paris sind uniciderlegbare Beweise dafür, dass diese gehör - und sprachlosen Halbmenschen durch die Erziehung, und den Unterricht in vernünftige, sittliche, und vollkommene Menschen umgebildet; in thätige, und arbeitsame Mitglieder des Staates, in wahre Gollesverehrer, und Anbetter umge­staltet werden können. Wenn nun ein Mann von ausgebreiletern Kenntnissen das alles in Erwä­gung bringt, und sich nach eben dieser Erwägung aus sm'ner glücklicheren Lage

Next

/
Thumbnails
Contents