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Prof. C. Binz: Die Einschleppung der Syphilis in Europa

4 Hippokrates und seinen Nachfolgern in Griechenland und Rom der Fall, aber es fehlt jegliche Brücke, um aus ihren Darstellungen zu der charakteristischen Krankheit zu gelangen. Und mehr noch als bei den Medicinern der beiden alten Culturvölker müsste die Syphilis erwähnt und geschildert sein bei den Satyrikern der römi­schen Kaiserzeit, wo die Lüderlichkeit im Geschlechtsleben be­kanntlich in vollster Blüthe stand und dem Martial, Properz, Ju­venal und anderen die reichste Gelegenheit zu eingehenden Dar­stellungen der Geschlechtskrankheiten gab. Der Tripper und seine Folgen, das örtliche Geschwür und seine Aeusserungen werden da in allen Beleuchtungen vorgeführt, aber ein Uebergreifen der ge­schlechtlichen Ansteckung von dort aus auf den ganzen Körper habe ich nirgendwo erwähnt gefunden. Betreffs der mittelalterlichen Araber muss ich mich auf die Mittheilungen anderer Forscher beziehen, da ich jene nicht an den Quellen gelesen habe. Was A. Hirsch, der in dem unten citirten Werke sich als einen Anhänger des ganz alten Ursprungs der Sy­philis bekennt, von ihnen sagt, reicht vollständig aus zu ihrer Beurtheilung, dass nämlich von den arabischen Aerzten die an­steckende Natur'jener Leiden, d. h. ihre Entstehung durch den Beischlaf, keiner erkannt oder wenigstens erwähnt habe. Auch hier handelt es sich, so weit ich diese Darstellung überblicken kann, nur um die örtlichen Geschwüre an den Geschlechtstheilen. Ausserdem sollen die ansteckenden Leiden der Geschlechtstheile bei den Arabern überhaupt selten gewesen sein, und das führt man mit gutem Grund zurück auf die strenge Beaufsichtigung der Frauen im Orient, auf die Beschneidung und auf den häufigen Ge­brauch der Waschungen und Bäder. Nicht anders steht es mit den abendländischen Berichten aus dem Mittelalter. In einer Chronik heisst es: „Johannes, Speyerer Bischoff, hat bei der Scham ein Geschwür überkommen, von dem nicht gar ein gut Gerücht gieng, der hat nun lange Zeit gekrankt und ist anno 1104 gestorben.“ Und König Wenzel von Böhmen, der 1410 ahgesetzt wurde, erntete gemäss einer österreichischen Reimchronik von seiner Buhlen Agnes so schlechten Minne­dank, dass: „Er davon musst sterben, Wann er faulen pegan, An der stat, da sich dy man Vor schäm ungern sehen lant.“ Wir brauchen in diesen und ähnlichen Berichten nichts anderes zu erkennen, als den phagadänischen Schanker in seiner höchsten Entwickelung. Dass durch solche ausgedehnte, rein äusserliche Geschwürsbildungen jemand zugrunde gehen kann, ist ja zweifellos. Ich habe vorher gesagt, alle Autoren stimmten darin überein, dass im Jahre 1495 die Lues venerea fast wie mit einem male als Epidemie aufgetreten sei und sich über die ganze alte Welt er­gossen habe. Hören wir darüber einige zeitgenössische Zeugnisse.

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