Litzmann, C. T. Carl dr.: Das Kindbettfieber in nosologischer, geschichtlicher und therapeutischer Beziehung (Halle, 1844)
Viertes Kapitel. Aetiologie des Kindbettfiebers §. 81-91
108 eine kräftige und frühzeitige Antiphlogose nicht so spurlos an sich vorüber gehen. Zwar zeigt sich das Kimlhettiieher in verschiedenen Epidemiecn auch unter verschiedenen Gestalten, wie jede andere epidemische Krankheit, aber in einer und derselben Epidemie haben alle, oder mindestens alle gleichzeitigen Fälle ein durchaus gleiches Gepräge, das durch individuelle Verhältnisse wenig oder gar nicht modificirt wird. In Bezug auf den Sitz der Localaflecte, sowohl der primären, als der sccundären, in Bezug auf den Ivrankheitscharacter, den mehr oder minder bösartigen, schnelleren oder langsameren Verlauf findet man durchweg die grösste Uchcreinstimmung, selbst wenn die einzelnen Abtheilungen eines Spitales in gar keiner Berührung mit einander stehen. Endlich gleicht das Kindbettfieber den übrigen miasmatischen Krankheiten auch darin, dass es keine Individualität, kein Alter, keinen Stand verschont. Manche Beobachter machen darauf aufmerksam, dass vorzugsweise junge, blühende, kräftige Personen ein Opfer der Krankheit werden, z. B. Kinek in seiner Schilderung der Epidemie zu Copenhagen 1792/3. Auch Boer sagt, freilich im Widerspruche mit Kaimann, dass in der Epidemie zu Wien 1819 die sogenannte Putrescenz des Uterus am häufigsten bei jungen, schönen, dem Aussehscheine nach manchmal noch vor wenigen Stunden blühenden, weiblichen Körpern vorgekommen sei. In der Epidemie zu Halle 1840/1 waren die gesunden, kräftigen Mädchen aus den umliegenden Dörfern bei Weitem mehr gefährdet, als die schwächlicheren Städterinnen. §. 83. Das Miasma ist aber nur der eine Factor bei der Erregung· des Kindbettfiebers, der andere ist die Puerperalconstitution. Der Lebenszustand einer Wöchnerinn bietet so vieles Eigenthümliche dar, dass schon deshalb von jeher Bemühungen Statt gefunden haben, aus seinem Wesen die Entstehung des Kindbettfiebers zu erklären. Ja einige, wie z. B, Ilulmc, gingen in diesem Bestreben so weit, dass sie das Kindbettfieber gewissermassen als eine physiologisch nothwen- dige Folge der Geburt und des Wochenbettes hinstellten. Andere dagegen und namentlich manche Neuere, z. B. Busch, suchen den Grund des Kindbettfiebers in einer Störung der