Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber

78 Semmelweis’ Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber. kann, weil in Wien die Hebammenschülerinnen bei der Visite des Professors in den Krankenzimmern nicht zugegen sein dürfen. Seite 46 ist zu lesen: „Den Leichenöffnungen, die in einem von dem Gebärhause etwas entfernten Gartenhause vorgenommen werden, wohnen die Schülerinnen gewöhnlich bei. Ich habe da oft mit Er­staunen gesehen, welchen lebhaften Antheil einige junge Mädchen an dem Zerfleischen der Leichen nahmen, wie sie mit entblössten und blutigen Armen, grosse Messer in der Hand haltend, unter Zank und Gelächter, sich Becken herausschnitten, nachdem sie von dem Arzte die Erlaubniss erhalten hatten, dieselben für sich zu praepariren.“ Dann auf Seite 51: „Unter den Beobachtungen bei den Leichen­untersuchungen, an die Baudelocque seine Zuhörer erinnerte, ist be­sonders die Zerreissung eines Psoasmuskels in der Anstrengung zur Geburt wichtig.“ Folgende Tabelle wurde von den vorgefallenen Geburten ge­geben: Seit dem 9. December 1797 bis zum 31. Mai 1809 sind 17308 Frauen entbunden, diese haben gegeben 17499 Kinder, 189 Frauen gebaren Zwillinge, also 1 von 91; nur zwei hatten Drillinge, 2000 Entbundene, zum wenigsten, sind schwer erkrankt, und 700 gestorben und secirt. Von den Schülerinnen konnten diejenigen, welche 2 Jahre lang in der Anstalt waren, etwa 3600 Geburten und 450 Kranke beobachten, von denen über 100 starben. Hieraus folgt, dass die Hebammen in der Maternité in Folge des Unterrichtssystems Gelegenheit hatten, einen zersetzten thierisch- organisclien Stoff von den Leichen auf Gesunde zu übertragen und hierdurch Kindbettfieber hervorzubringen. Kiwi sch äussert sich gegen die Theorie der Infection, indem er einzelne engliche Aerzte anführt, denen in ihrer Praxis an gan- graenösem Erysipel leidende Männer mit vielen mit Kindbettfieber behafteten Wöchnerinnen zu gleicher Zeit starben. — Das ist aller­dings wahr, dass diese Beobachtung, hätte man selbe gehörig ausge­beutet, zur Entdeckung der wahren Ursache des Kindbettfiebers ge­führt hätte. Aber jene Aerzte blieben bei der vereinzelten Thatsache stehen, dass das Kindbettfieber auch durch Uebertragung der Jauche eines gangraenösen Erysipels eines Mannes entstehen könne. Neben dieser Thatsache liessen sie auch die volle Gültigkeit der epidemischen Einflüsse bestehen, kurzum, sie kamen nicht auf die Schlussfolgerung, dass ein jedes Kindbettfieber durch die Resorption zersetzter thierisch- organischer Stoffe entstehe und dass es überhaupt keine epidemische Einflüsse gibt, die im Stande wären ein Kindbettfieber hervorzu­bringen. Kiwisch selbst, in seinem Werke: „Klinische Vorträge über specielle Pathologie und Therapie der Krankheiten des weiblichen Geschlechtes,“ das auch eine Abhandlung über das Kindbettfieber enthält, beschreibt dessen Aetiologie ganz im Sinne der Epidemiker. In seinem Aufsatze in der Zeitschrift der Gesellschaft der Aerzte zu Wien vom Jahre 1850, wo er meine Ansicht über das Kindbettfieber kritisirt, stellte er sogar die Behauptung auf, dass er nicht selten unmittelbar nach der Leichenöffnung Schwangere und Wöchnerinnen untersuchte, und hiernach gar keine bösen Folgen be­merkte. Er beruft sich weiters auf die Geschichte des Kindbettfiebers und auf die alltägliche Erfahrung, der zu Folge im Gebiete ganzer Länder unzählige Fälle von Kindbettfieberepidemien und von söge-

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