Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber

74 Semmelweis’ Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber. Ich erlaube mir das ärztliche Publicum noch darauf aufmerksam zu machen, dass ich in Wien durch 22 Monate, im St. Rochus durch 6 Jahre und auf der Universitätsklinik einige Jahre lang gar keine Epidemie beobachtete, — also in drei Anstalten, wo selbe zuvor ohne Unterlass gewüthet hatte. Auch will ich es von nunan für meine Pflicht erachten, diesen Gegenstand mit der gehörigen Aufmerksamkeit zu verfolgen und meine Resultate in alljährlichen Ausweisen mitzu- theilen. Ehe noch die Untersuchung constatirte, dass die schmutzige Wäsche der Wochenbette die Infection erzeugt hatte und nicht etwa die von den Schülern versäumten Waschungen, hatte mir der voll­kommen gesunde Zustand der Säuglinge trotz des Todes ihrer Mütter als bester Beweis dafür gedient, dass hier nicht die letztere Ursache die Schuld trage. Wenn ich also meine Thätigkeit als Vorstand dreier Gebäranstalten vom Standpunkte meiner Ansicht über die Entstehung des Kindbettfiebers beurtheile, dann muss ich das offene Geständniss ablegen, dass ich nicht immer die möglichst kleinste Sterblichkeit erreichte, d. h. dass bei mir auch derartige Erkrankungen vorkamen, die man hätte verhüten können. Wenn wir schliesslich noch die Jahresausweise der grösseren Gebärhäuser aus dieser Zeit betrachten, wo die Medicin mehr auf metaphysischem als auf realem Boden stand, wo also die Gelegenheit zur Inficirung wegen Vernachlässigung des Anatomiestudiums nicht in so hohem Grade vorhanden war, so werden wir finden, dass unter 100 Wöchnerinnen keine einzige starb (die, welche an anderen Krank­heitsprocessen zu Grunde gingen, nicht gerechnet); dieses Ideal der möglichst kleinsten Sterblichkeit habe ich insgesammt durch 6 Jahre im Rochusspitale, und während eines Jahres an der Universitäts­klinik in Pest erreicht, da hier nicht einmal 1 Todesfall nach 100 Kranken vorkam. ' Dies erreichte ich in Wien nicht, da dort um etwas mehr als 1 °/0 der Kranken starben; an der Pester Universität im zweiten Jahre etwas mehr als 2 °/0; im dritten Jahre nahezu 3%. Die Möglichkeit der Ansteckung hängt von so viel Zufällen ab, dass es für den Leiter eines grösseren Gebärhauses eine sozusagen unlösbare Aufgabe wäre, einen jeden Infectionsfall zu verhüten. Wenn Jemand, so bin ich es, der mit ganzer Energie die Schüler, die Schülerinnen und überhaupt das ganze dienstthuende Personal davon zu überzeugen trachtet, dass die Unreinlichkeit die Quelle des Kindbettfiebers ist und sie darum die grösste Reinlichkeit zu be­obachten haben. Nichtsdestoweniger ist es vorgekommeu, dass ich eine verfaulte Matratze und einen solchen Strohsack und von Lochien sehr übelriechende Leintücher fand; dass der Wäscher unreine Wäsche liefern konnte, ohne dass es mir gemeldet wurde. — Im vorigen Winter trat an den äusseren Genitalien einer Kranken Gangraen auf und eine Elevin, die behufs der nöthigen Einspritzungen zu ihr beordert war, selbstverständlich mit dem Auftrag, dass sie mit keiner anderen Wöchnerin in Berührung kommen dürfe, wurde im Momente ertappt, als sie sich gerade zur Untersuchung einer soeben angekommenen Wöchnerin anschickte, dieselbe auch bereits begonnen hatte. Diese Kreissende erkrankte auch, ist aber wieder genesen. Eine halbe Stunde nach ihrem später aus anderer Ursache erfolgten Tode traf ich ihr Bett von einer anderen Wöchnerin besetzt, die ich sofort dar-

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