Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber

Semmelweis’ Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber. 75 aus entfernen liess; — auch diese erkrankte, doch wurde sie eben­falls gesund. Jeder unbefangene Leser kann sich hieraus die Ueberzeuguno- verschaffen, wie sehr ein jedes Bestreben des Leiters einer Gebäi anstalt von der Gewissenhaftigkeit oder Nachlässigkeit des an seiner Abtheilung beschäftigten Dienstpersonals abhängt." Gegen meine Ansicht betreffs der Entstehung des Kindbettfiebers wurden mehrere Ein wände gemacht, namentlich, daß das Kind­bettfieber auch ausserhalb der Spitäler vor ko mine. Ob­wohl die Thatsache, dass das Kindbettfieber auch ausserhalb der Spitäler in zahlreichen Fällen auftritt, nicht zu leugnen ist, so liegt doch in dem Umstande, dass es dort nie so oft und in solcher Aus­dehnung vorkommt, der Beweis, dass es keine Epidemie ist. Die zahlreichen Erkrankungen können zwanglos aus dem Eingreifen des ärztlichen und des weiblichen Hilfspersonals erklärt werden. Die Aerzte und Hebammen beschäftigen sich nicht nur mit Wöchnerinnen und Kreissenden, sondern mit den verschiedensten männ­lichen und weiblichen Kranken, also auch mit solchen, die zur Ueber- tragung zersetzter thierisch-organischer Stoffe Gelegenheit geben. Jeder prakticirende Arzt beschenkt die eine oder die andere Hebamme mit seinem Vertrauen, die er dann seinen Kranken, wo z. B. Ein­spritzungen nötliig sind, empfiehlt. Sogar der Arzt selbst überträgt den Infectionsstoff, indem er auf den Besuch einer an Gebärmutter­krebs, gangraenösem Erysipel u. s. w. leidenden Kranken unmittelbar den einer Anderen folgen lässt. Das ist der Weg, auf dem Kindbettfieber ausserhalb des Spitales um sich greift. Man sagt ferner: die Geschichte der Medicin, sogar Hippokrates selbst erwähnte schon das Kindbettfieber als Epidemie. Dies beweist aber nur soviel, dass es zu Zeiten auf einmal bei mehreren Individuen auftrat, und dass die damaligen Aerzte das gleichzeitige Auftreten desselben bei zahlreichen Individuen durch epidemische Einflüsse zu erklären suchten, gerade so wie man es in unseren Zeiten in Wien und anderswo that. Doch liegt hierin noch kein genügender Beweis dafür, dass es wirklich eine Epidemie wäre, wie ich dies durch meine Thätigkeit in drei Anstalten bewiesen habe. — Ich habe oben gezeigt, auf welche Weise das Kindbettfieber ausser­halb des Spitales sich verbreiten kann; und ich bin überzeugt, dass die aus dem Alterthum überlieferten derartigen Epidemien sicher einen solchen Ursprung hatten. Gerade so wie heutzutage gab _ es zu jeder Zeit männliche und weibliche ärztliche Hilfspersonen, die das Vertrauen des Publicums in grösserem Masse besassen, mithin auch häufiger zu den Kranken geholt wurden und dadurch konnten sie Verbreiter des Kindbettfiebers werden. Besonders von Hippokrates weiss man, dass er Leichensectionen machte und Boer sagt in seiner das Kindbettfieber behandelnden Abhandlung von ihm, er habe die Sjmptome dieser Krankheit so meisterhaft aufgezeichnet, wie man sie heute nicht besser und richtiger am Krankenbette und Secirtisch präcisiren könnte. Scanzoni und Seyfert äussern sich darum gegen die Chlor­waschungen, weil sie trotz diesen eine grosse Sterblichkeit sahen. Dass trotz der Waschung der Hände mit Chlorkalklösung eine durch Infection bedingte grössere Sterblichkeit sich zeigen kann, das be-

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