Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber
Semmelweis’ Abhandlungen \md Werk über das Kindbettfieber. 63 keine Epidemie zum Grunde liegen kann, dass es vielmehr eine endemische Krankheit ist, d. h. dass sie lediglich eine solche Ursache hat, die sich auf die Localitäten der I. Abtheilung der Gebäranstalt beschränkt. Wenn ich weiters die angenommene endemische Ursache in ihrem Verhältniss zu den beiden Abtheilungen prüfe, so zeigt sich, dass die Krankheit gerade auf der II. Abteilung stärker hätte wüthen, und die Sterblichkeit an der I. Abtheilung eine geringere hätte sein müssen. Thatsächlich war aber gerade das Gegentheil der Fall. Als erste endemische Ursache galt die Ueber fül lung. Wenn diese die Ursache der Endemie gewesen wäre, so hätte die Sterblichkeit an der II. Abtheilung noch grösser sein müssen, da sich der grössere Theil der Wöchnerinnen aus Angst vor der I. Abtheilung zur Aufnahme in die II. Abtheilung meldete, wodurch diese so überfüllt wurde, dass man die sich zur Aufnahme Meldenden sehr oft nicht übernehmen konnte, oder wenn man sie auch übernahm, nach Verlauf von wenigen Stunden wieder an die erste zurückgeben musste. Hieraus ist es erklärlich, warum auf der ärztlichen (I.) Abtheilung die reglementmässig jährlich um 52, doch in Folge des Gesagten thatsächlich noch erheblich mehr Aufnahmstage hatte, die Zahl der Geburten um unverhältnissmässig wenig die der in ihren Localitäten beschränkteren II. Abtheilung überstieg. Als zweite Ursache wurde dahingestellt, dass die Wände und Möbel dieser Klinik, so wie auch die Betten, Stühle, Wäsche, mit einem Worte das ganze Local im Verlaufe der Zeiten durch die Ausdünstungen gesunder und kranker Kreissenden angeblich inficirt worden waren, in Folge dessen auch die gesund ankommenden Gebärenden dort erkranken mussten. Wäre das die Ursache des Puerperalfiebers gewesen, so hätte die Sterblichkeit gerade unter diesen Umständen an der Hebammen- Abtheilung (II.) eine grössere sein müssen, weil deren Localitäten schon zu Prof. Boer’s Zeiten als geburtshilfliche Klinik gebraucht wurden und dort dazumal eine so grosse Sterblichkeit herrschte, dass der genannte vorzügliche Lehrer deshalb in Pension gesetzt wurde; während, im Gegentheil, die Abtheilung der Geburtshelfer damals neu erbaut war. Auch die öftere und, wie man behauptete, rohere Untersuchungsweise ist in der Reihe der in Verdacht genommenen Krankheitsursachen nicht vergessen worden, da sie auf der Abtheilung der Hebammen schon wegen der geringeren Zahl der Elevinen und ihres geringeren Eifers, seltener ausgeübt werden konnte. Wenn nun aber die selbst mehrmalige Einführung eines Fingers in die bis zum Muttermund erweiterte Scheide das Puerperalfieber und zwar so häufig hervorzurufen im Stande wäre, da müsste ja das übermässige Dehnen und Verletzen dieser Theile durch den Kindeskopf eine derartige pathologische Wirkung haben, dass keine Gebärende frei von dieser Erkrankung bliebe. Hiefür sorgte aber die Natur. Die Erfahrung lehrt ganz im Gegentheil, dass sich die V öchnerinnen oft nach den schwersten Geburten und nach Anlegung der Zange — falls die Genitalien keine Quetschung erleiden — der besten Gesundheit erfreuen ; hinwieder sind es die leichtesten Geburten, nach denen nicht selten ein tödtliches Puerperalfieber auftritt. Auch behauptete man: die Sterblichkeit wäre deshalb grösser,