Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber

weil nur unverheiratete Mädchen aufgenommen werden, bei denen wohl die Sorge um ihre verlorne Unschuld, um ihre Subsistenz, oder der Gebrauch von Abortivmittel, betrogene Liebe, oder Eifersucht, Kummer über die Untreue ihrer Geliebten, Schuld an ihrem Krank­werden trügen. Allein dies konnte keinen Unterschied zu Gunsten der einen Abtheilung statuiren, da ja auf beide gleichartige Individuen aufgenommen wurden. Dass die medicinische und geburtshilfliche Behandlung nicht die Schuld an dem Uebel trug, ist für jeden Sachverständigen leicht einzusehen, da sie ja an beiden Abtheilungen gleich war und nur erst bei Beginn des Fiebers applicirt wurde. Der Sterblichkeitsunterschied zwischen der I. und II. Abtheilung wurzelte in der häufigeren Erkrankung an der ersteren. Die Puer­peralfieberkranken genasen oder starben an beiden Abtheilungen in gleichem Masse. Endlich behaupteten Viele, dass die Furcht und der Schrecken, welchen die massenhaften Todesfälle erzeugten, ebenfalls eine Quelle der häufigen Erkrankung der Gebärenden sein können. Wäre dies auch wirklich der Fall, dann bliebe doch immer der Beginn der grossen Sterblichkeit unerklärt; denn nothwendiger Weise musste ja eine grössere Sterblichkeit vorausgegangen sein, ehe sich die Furcht davor entwickelte. Noch weniger lässt sich aus dieser Ursache das Aufhören der Sterblichkeit erklären, welche trotz vieljähriger Furcht plötzlich aufhörte. Die ungeheure Zahl der Opfer des Puerperalfiebers musste dem Forschungsdrange wissenschaftlicher und humaner Bestrebungen als ernste Aufforderung dazu vorschweben, dessen verderbenbringende unbekannte Ursache zu enthüllen und damit Tausende von Menschen­leben vor dem Untergange zu bewahren, der sie gerade im Momente der Erfüllung ihrer Bestimmung bedrohte. Da geschah es, dass der von mir hochverehrte Professor der gerichtlichen Medicin Dr. Kolletsclika bei einer gerichtsärztlichen Section von einem unvorsichtigen Schüler durch ein mit Cadavertheilen inficirtes Messer verletzt wurde, und in Folge dieser Verletzung an Pyaemie, die in Gestalt von Lympli- angioitis, Phlebitis, Pleuritis und einer Metastase im linken Auge auftrat, starb. In meinem ganzen Wesen erschüttert, sann ich mit ungewohnter Intensität meines aufgeregten Gemüthes über den Fall nach, als plötzlich vor meinem Geiste der Gedanke auftauchte, und es mir auf einmal klar ward, dass das Puerperalfieber und die Krankheit Professors Kolletschka’s identisch seien, da das Puerperalfieber anatomisch aus denselben Producten wie sie bestehe, nämlich Lymphangioitis, Phlebitis, Pyaemie, Metastasen u. s. w. Wenn nun — so schloss ich weiter — die Pyaemie bei Professor Kolletsclika in Folge der Einimpfung von Cadavertheilen entstanden ist, so muss auch das Puerperalfieber aus der nämlichen Quelle herrühren. Es war nur noch zu entscheiden: woher? und wie? die zersetzten Cadavertlieile den Wöchnerinnen eingeimpft werden. Die Uebertragungsquelle dieser Cadavertlieile nun war in den Händen der behandelnden Aerzte und ihrer Schüler zu suchen und aufzufinden. Die hauptsächlich anatomische Richtung der Wiener Schule ver­anlaßt die Lehrer sowohl wie die Schüler sich täglich mit vielen Leichen zu beschäftigen. Hierbei inficiren sie ihre Hände, die dann Semmelweis’ Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.

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