Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber

62 Semmelweis’ Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber. Unterrichte der Geburtshelfer dient, an vier Tagen der Woche, an dieser hingegen, wo die Hebammen ausgebildet werden, nur an wöchentlich drei Tagen stattfindet. Es kommen somit auf die Ab- theiluug der Geburtshelfer jährlich 52 Aufnahmetage mehr, als auf die der Hebammen. Beide Abtheilungen hatten ungefähr die gleiche jährliche Anzahl von Geburten aufzuweisen, nämlich je dreitausend und einige hundert. Dennoch war das Sterblichkeitsverhältniss während einer langen Reihe von Jahren an den beiden Abtheilungen ein so verschiedenes, dass während auf derjenigen, wo die Hebammen herangebildet wurden, die Sterblichkeit nach der oben angegebenen Zahl von dreitausend und einigen hundert Geburten durchschnittlich die Zahl 60 nicht überschritt, an der Abtheilung für Geburtshelfer bei der gleichen Geburtszahl zwischen 600—800 schwankte. Wäre die Ursache des Puerperalfiebers in epidemischen Einflüssen zu suchen, dann hätte die Morbiditäts- und Mortalitätszahl noth- wendiger Weise an beiden Abtheilungen ein und dieselbe sein müssen, oder man wäre genöthigt zur Erklärung der obigen Thatsache und zur Enträthslung des Unterschiedes, anzunehmen, dass der epidemische Einfluss bloss 24 Stunden währte und zwar immer nur während jenen 24 Stunden, in welchen die Aufnahme auf die ärztliche Abtheilung erfolgte. Dann aber wäre ja doch auch das ganze Gebärhaus, ohne Unterschied der Abtheilungen, diesem Einflüsse unterworfen gewesen, da sich eine Epidemie nicht nur auf einen so beschränkten Ort, sondern erfahrungsgemäss auf einen viel grösseren Raum erstreckt, falls sie auch wirklich da ist. Der zweite Grund meines Zweifels war der, dass zur selben Zeit, wo das Kindbettfieber in der Klinik am stärksten wüthete, in der Stadt sich gar keine derartige Epidemie zeigte. Ein dritter Grund war: dass die Jahreszeiten absolut keinen Einfluss weder auf die Entstehung, noch auf das Aufhören der Epi­demie übten, da diese durch das ganze Jahr gleich stark wüthete und zwar schon seit einer langen Reihe von Jahren. Andere Epidemien werden, wenn sie die Hitze begünstigt, -doch sicher durch die Kälte gemässigt u. s. w. Hier aber zeigte die Sterblichkeit ganz unverändert immer das gleiche Mass. Nicht minder wichtig ist ein vierter Grund: dass nämlich das Puerperalfieber in Folge einer traumatischen Einwirkung entstehen kann, was bei keiner andern epidemischen Krankheit beobachtet wird. Das Ausschlaggebendste endlich ist, dass die beliebteste und mit bestem Erfolg geübte Massregel, um einer übermässigen Sterblichkeit Einhalt zu tliun, das Schliessen der Gebärabtheilungen war; denn die Erfahrung hatte zu der Ueberzeugung geführt, die Wöchnerinnen würden von der Krankheit verschont bleiben, wenn sie ausserhalb der geburtshilflichen Klinik entbänden. Das Schliessen des Gebär­hauses machte in jedem Falle und sofort der Epidemie ein Ende, während diese Massregel bei anderen Epidemien im Gegentheil ihrer Weitervebreitung und der Mortalität noch Vorschub leistet, sicherlich aber der Epidemie kein Ende macht. So hat z. B. das Einstellen der Aufnahme in die Spitäler bei der Cholera noch nie dem Wüthen dieser Epidemie Einhalt gethan. Durch die angeführten wesentlichen Gründe wurde ich zur Ueber­zeugung gebracht, dass dem häufigen Auftreten des Kindbettfiebers

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