Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber
Die Aetiologie des Kindbettflebers. (1858.) Die Geburtshilfe ist jener Zweig der Medicin, der die höchste Aufgabe derselben, nämlich Rettung des bedrohten menschlichen Lebens in zahlreichen Fällen am augenscheinlichsten löst. Unter diesen will ich nur die Querlage anführen. Mutter und Kind sind dem sicheren Tode verfallen, wenn die Geburt der Natur überlassen bleibt, während die geübte Hand des Geburtshelfers durch fast schmerzlose, kaum einige Minuten in Anspruch nehmende Handgriffe beide rettet. Diesen Vorzug der Geburtshilfe, womit ich schon in den theoretischen Vorlesungen bekannt gemacht wurde, fand ich zwar allerdings vollkommen bestätigt, als ich Gelegenheit hatte im grossen Wiener Gebärhause sie von ihrer praktischen Seite kennen zu lernen; aber leider sah ich, dass der Fälle, in denen der Geburtshelfer so segensreich wirken kann, relativ verschwindend wenig sind im Vergleiche mit der grossen Anzahl von Opfern, denen er nur eine erfolglose Hilfe zu bringen vermag: den Opfern des Puerperalfiebers dieser Schattenseite der Geburtshilfe. Dreierlei Ursachen gibt es, denen die Entstehung des Puerperalfiebers zugeschrieben werden kann: die sporadische, die endemische und die epidemische. Durch meine Erfahrungen, welche ich im Wiener Gebärhause machte, kam ich zur Ueberzeugung, dass das Puerperalfieber durch keinerlei epidemische Ursachen erzeugt wird, sondern dass es eine bisher unbekannte endemische Ursache war, der die zahllosen Wöchnerinnen zum Opfer fielen. Ich will es geschichtlich darlegen, wie ich in der Lehre vom epidemischen Kindbettfieber zum Skeptiker ward, auf welche Weise ich den wahren Grund der entsetzlichen Sterblichkeit entdeckte, mit dessen Beseitigung dann auch glücklich gelang, der letzteren wirksam entgegenzutreten. In Wien gibt es zwei geburtshilfliche Abtheilungen, die beide durch ein gemeinschaftliches Vorzimmer mit einander in örtlichem Zusammenhang stehen. Die Aufnahme der Wöchnerinnen geschieht von 24 zu 24 Stunden abwechselnd, einmal an der I., das andere Mal an der II. Abtheilung. — Der Unterschied in der Aufnahme zwischen den beiden besteht darin, dass dieselbe an jener, die zugleich dem