Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Semmelweis' Vortrag über die Genesis des Puerperalfiebers

Semmelweis’ Vortrag über die Genesis des Puerperalfiebers. 55 erzeugter Stoffe oder der Aufnahme eiuer mit den letzteren imprä- gnirten Luft als Erzeugungs-Ursache die Rede war. niemals aber mit Bestimmtheit auf die materielle Uebertragung cadaveröser Theile durch die Untersuchung hingewiesen wurde, wie Dr. Semmelweis es that, — Hierauf spricht Prof. Hayne seine Verwunderung aus, dass sogar über die Priorität der ausgesprochenen Ansichten ein Streit entstehen kann, indem die nun für die Genesis des Wochenbettfiebers beim Menschen als neu aufgestellte Erklärungsweise von ihm bereits im Jahre 1830 in seinen thierärztlichen Schriften für das dem Wesen nach gleiche Fieber der Rinder veröffentlicht worden ist,1) Dem folgt nun ein Vortrag des Herrn Dr. Lumpe, ehemaligen Assistenten an der ersten geburtshilflichen Klinik. Die Hauptgründe, die derselbe gegen die von Dr. Semmelweis ausgesprochenen Ansichten geltend macht, lassen sich in nachfolgende Sätze zusammenstellen: Es findet sich in den Ausweisen des Gebärhauses eine solche Zu- und Ab­nahme und ein so grosser Unterschied in der Sterblichkeit der Wöchne­rinnen in den verschiedenen Monaten eines und desselben Jahres (z. B. im Jahr 1841 der Zeit der Assistenz des Dr. Lumpe), dass man dieselbe aus einer sich gleich bleibenden Ursache, wie diess die Imprägnirung mit faulen organischen Stoffen von der Leiche her bei einer das ganze Jahr sich gleich bleibenden Anzahl von Candidaten noth wendig sein muss, unmöglich erklären könnte, eben so wenig, wie diess, dass in 8 auf einander folgenden Monaten (zwei ausgenommen) die Sterb­lichkeit der Wöchnerinnen sich unter jenem Verhältnisse stellte, welches sich zeitweise auch jetzt bei den eingeführten Chlorkalk­waschungen ergibt. — Eben so unerklärt bleibe, dass in solchen Monaten, in denen für die Candidaten eine grössere Möglichkeit der Selbst-Imprägnirung mit faulen Stoffen durch zahlreiche geburts­hilfliche Uebungen an Leichen gegeben war, dann dass in jenen Entbindungsfällen seltener Art, in welchen des Unterrichtes willen die Untersuchungen häufig unternommen worden sind, somit für die Wöchnerinnen die Wahrscheinlichkeit der Inquination eine größere war, dass gerade in diesen Monaten und Fällen sich die Sterblichkeit der Betreffenden als eine geringere herausstellte. Dr. Semmelweis habe somit gefehlt, die Resultate von ganzen Jahren und nicht die der einzelnen Monate und Fälle mit einander verglichen zu haben. Es könne die Epidemie, wie sie in fast 8 Monaten eines und desselben Jahres bei gleichen Einflüssen schwieg, nun aus gleich unbekannten Ursachen durch 3 Jahre, der Zeit seit der Ein­führung der Chlorkalkwaschungen, gleichfalls schweigen. Die weit größere Sterblichkeit aber auf der ersten geburtshilflichen Klinik leitet Dr. Lumpe daher, dass auf derselben durch 4 Tage der Woche Schwangere aufgenommen werden, daher die Lüftung der Zimmer nie eine so vollkommene sein konnte, als auf der zweiten Klinik, an welcher die Aufnahme nur auf 3 Tage der Woche beschränkt ist; b In der That äussert sich Prof. Hajrne bei Gelegenheit des Fallenfiebers der Thiere, dass dasselbe nicht so häufig epidemisch sei als beim Menschen, bei welchem durch die Untersuchung das Contagium von einer kranken auf eine ge­sunde Wöchnerin leicht übertragen werde; er hält somit das Kindbettfieber selbst für contagiös im Gegensätze zu Dr. Semmelweis, der dasselbe für einen pyämischen Process erklärt, erzeugt durch die Einbringung fauler Stoffe, von welch immer für einer Krankheit oder Leiche her.

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