Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)
Semmelweis' Vortrag über die Genesis des Puerperalfiebers
56 Semmelweis’ Vortrag über die Genesis des Puerperalfiebers. eben so glaubt Dr. Lumpe, dass bei genauerer Beobachtung auch in der Privatpraxis sich bei der Frequenz der Wochenfieber ein epidemischer Einfluss herausstellen dürfte, und hier überall nur die Resorption als Ursache annehmen zu wollen, sei viel zu gezwungen; jedenfalls sei somit in dieser Sache das Endurtheil nur von der Zeit abzuwarten, in der man aber fortfahren solle, zu waschen. Dagegen erwiedert Dr. Semmelweis, dass die Zahl der Sektionen, die vorgenommen werden, und der Besuch der Leichenkammer so sehr wechseln, dass bei einer auch das gauze Jahr hindurch gleich bleibenden Anzahl von Candidaten doch die Einschleppung fauler organischer Stoffe vom Sektionstische her, so sie überhaupt zugegeben wird, — bald als eine stärkere, bald als eine mindere angenommen werden muss, und wirklich hat sich auch in den 'Wintermonaten, in welchen bekannter Massen die Häufigkeit der Leichenöffnungen und des Besuches derselben von Seiten der Schüler immer der grösste ist, das Wochenbettfieber viele Jahre hindurch am verheerendsten behauptet; eben so fallen jene von Dr. Lumpe angeführten 8 Monate mit geringerer Mortalität in das wärmere Zweidrittheil des Jahres. Wenn aber Dr. Lumpe den von ihm gegebenen geburtshilflichen Cursen eine so grosse Wichtigkeit beilegt, so könne Dr. Semmelweis dieser nicht beipflichten, indem derlei Curse meist aus blos mündlichen Vorträgen sonst bestanden haben, bei deren Beendigung einige geburtshilfliche Uebungen vorgenommen wurden, eben so wie seine Erfahrungen und die anderer Geburtshelfer rücksichtlich der Sterblichkeit der Wöchnerinnen nach künstlichen Entbindungen oder besonderen Kindeslagen geradezu im Widerspruche stehen mit dem, was Dr. Lumpe bei denselben beobachtet haben will. Bezüglich nun der Aufnahme von Schwangeren auf der ersten Gebärklinik durch 4 Tage der Woche, und der dadurch mehr gehinderten Lüftung der Zimmer als sein sollende Ursache der immer grösseren Anzahl von Puerperal-Erkrankungen auf derselben im Vergleich mit der zweiten Klinik, so hat offenbar Dr. L u m p e ganz übersehen, dass die Lokalitäten der ersten Klinik weit geräumiger sind, somit niemals so überfüllt waren, als die der zweiten Klinik, trotz der nur auf 3 Tage der Woche beschränkten Aufnahme. Betreff des epidemischen Einflusses aber, den Dr. Lumpe selbst in der Privatpraxis in Erzeugung von Wochenbettfieber beobachtet haben will, so spricht bisher wenigstens die allgemeine Erfahrung der Aerzte dagegen. — Der erste Sekretär liest nun Namens des abwesenden Herrn Primar-Geburtsarztes Dr. Chiari einen Beitrag vor, den dieser zur Lösung derselben Frage liefern zu können glaubt. Dr. Chiari hat nämlich aus den Protokollen beider Geburtskliniken von 12 Jahren her die Anzahl der Entbindungen und die der Todesfälle in jedem einzelnen Monate zusammengestellt und daraus ersichtlich gemacht, dass in den Sterblichkeits-Procenten nach den verschiedenen Jahreszeiten kein auffallender Unterschied ist. und dass die größte Mortalität an der ersten Klinik auf die Monate Jänner, Oktober, November und December entfällt, indess an der zweiten Klinik gerade im Jänner die geringste, im März, Juni und Juli aber die größte Sterblichkeit sich zeigte; woraus hervorgeht, dass das Puerperalfieber allhier in seiner Häufigkeit weder von einer durch die Jahreszeiten bedingten epidemischen Constitution, noch von einer auf das ganze Krankenhaus sich erstreckenden endemischen