Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)
Semmelweis' Vortrag über die Genesis des Puerperalfiebers
51 wie jene nach zurückgebliebenen faulenden Decidua-, oder Placenta- Resten, sodann durch Risse und Quetschungen am Muttermunde u. s. w Als die Stelle, wo die Resorption geschieht, bezeichnet der Vortragende jene mit dem untersuchenden Finger erreichbare Partie unmittelbar ober dem inneren Gebärmuttermund, die während der Schwangerschaft von den Eihäuten bedeckt, ihrer Schleimhaut verlustig und so zur Resorption geeignet ist, die Scheide aber sei mit allzudickem Epithelium und Schleime überzogen, als dass sie resorptionsfähig wäre. Am zugänglichsten sei die Uterushöhle während der ersten und zweiten Geburtsperiode, und in dieser Zeit werde auch am häufigsten die Untersuchung vorgenommen; daher sei es auch zu erklären, dass nicht allein die Mutter, sondern meist auch das Kind durch denselben grossen Exsudations-Process beim Zustandekommen der Krankheit zu Grunde gehen, und warum Wöchnerinnen, welche wegen verzögerter erster und zweiter Geburtszeit 2—3 Tage auf dem Kreisszimmér verweilten, meist dem bösartigsten Puerperalfieber erlagen. Zu Ende dieses Vortrags kündigt Dr. Semmelweis an, dass er in einer der künftigen allgemeinen Versammlungen jene Einwendung beleuchten wolle, welche die Doktoren Scanzoni und Seyfert gegen seine von Prof. Skoda in der kais. Akademie der Wissenschaften zur Sprache gebrachten Ansichten über das Puerperalfieber in der Prager Vierteljahrschrift zu Tage gebracht haben und Herr Präses Prof. Rokitansky beträgt in Folge dessen die Gesellschaft, ob sie nicht im Allgemeinen geneigt wäre, über diesen Gegenstand, bei der hohen Wichtigkeit desselben, für das nächste Mal auf eine Diskussion einzugehen, welches auch angenommen wurde. [Aus dem] Protokoll der allgemeinen Versammlung der k. k. Gesellschaft der Aerzte zu Wien, vom 18. Juni 1850. Als Ergänzung zu seinem Vortrage in der letzten allgemeinen Sitzung der Gesellschaft (15. Mai) beleuchtet nun Herr Dr. Semmelweis die gegen seine Ansicht über die Genesis des Puerperalfiebers von den Herren Doktoren Scanzoni und Seyfert (siehe den 2. Band der Prager Vierteljahrsschrift von 1850) gemachten Einwürfe, und zwar führt er an, dass, wenn Scanzoni eine Tabelle der Entbundenen und vom Puerperalfieber in Prag Dahingerafften entwirft, welche ein besseres Sterblichkeits-Verhältniss herausstellt, als dieses mit den Chlorwaschungen in Wien erzielt werden konnte, und sich zugleich dahin äußert, daß die Veranlassung zu einer Imprägnirung der Assistenten und Schüler der Gebärklinik mit von Leichen stammenden faulenden organischen Stoffen durch andere Lokalverhältnisse in Prag eine nur höchst seltene sei, so finde er hierin keineswegs einen Beweis wider den Nutzen Chlorwaschungen an sich, sondern einzig und allem 4* Semmelweis’ Vortrag- über die Genesis des Puerperalfiebers.