Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Semmelweis' Vortrag über die Genesis des Puerperalfiebers

52 Semmelweis’ Vortrag über die Genesis des Puerperalfiebers. den Schluß logisch gerechtfertigt, dass die Chlorwaschungen daselbst und zwar für die Fälle der möglichen Einschleppung fauler Stoffe vom Cadaver her überflüssig seien, keineswegs aber für jene Erkrankungen, die durch Uebertragung solcher Stoffe von anderen Kranken oder von einer (etwa) mit jauchenden Geschwüren behafteten Kreissenden auf eine gesunde Gebärende sich ausbilden können; es ist ja für den Arzt die Veranlassung zur Imprägnirung seiner Hände mit faulenden Stoffen nicht blos der Cadaver. — Rücksichtlich der Transferirungen der er­krankten Wöchnerinnen aber und des jetzt günstigeren Sterblichkeits- Verhältnisses allhier gibt Herr Dr. Semmelweis die Aufklärung, dass diese gerade in der Zeit vor den Chlorwaschungen häufig vorgenommen wurden, dass jedoch dermalen eben seit Juni 1847 keine Wöchnerinnen mehr (ausgenommen einzelne Fälle wregen Syphilis, Blattern etc. etc., wie dies die Vorschrift erheischt) auf andere Abtheilungen des allgemeinen Krankenhauses übersetzt werden, dass somit das nun an­gegebene Mortalitäts-Verhältniss ein wahres und richtiges sei. Ferner wenn Dr. Scanzoni Zweifel erhebt gegen die Beweis­kraft der an Kaninchen zu diesem Zwecke an gestellten Versuche, wegen der grösseren Quantität von faulen Stoffen, welche erforderlich war, um bei denselben Pyämie zu erzeugen, so hat er wohl nicht den ganz verschiedenen Bau des Geschlechts-Apparates dieser Thiere, und die durch denselben bedingte geringere Resorption in gehörigen Augen­merk genommen, eben so wenig als den Umstand, dass bei diesen Thieren die injicirte Flüssigkeit zum grössten Theile durch die Bauch­presse allsogleich wieder ausgedrückt wird; übrigens scheine es Herrn Dr. Scanzoni nicht sehr Ernst zu sein mit seiner Opposition gegen die Versuche an Thieren, da er selbst solche anstellen zu lassen, der Regierung den Vorschlag macht. Herrn Dr. Seyfert, der die Frage stellt, welches wohl die ge­wöhnliche Zahl der Puerperal-Erkrankungen sei, bis zu welcher die Chlorwaschungen ihre Wirksamkeit bewähren, antwortet Herr Dr. Semmelweis, dass dies jene Zahl von Wöchnerinnen sei, bei welchen die faulenden Stoffe nicht von Außen her, sondern aus dem erkrankten Individuum selbst aufgenommen werden, und deren Re­sorption eben jene Potenz bildet, von der Herr Dr. Seyfert meint, „dass sie erst erfunden wrerden müsse“. Wenn aber von eben dem­selben Autor angegeben wird, dass im Monate Februar 1849 wohl in der Stadt Prag eine Puerperalfieber-Epidemie geherrscht habe, ohne dass eine solche in dem Gebärhause daselbst zu beobachten war, so ist dies fast unerklärlich, da das Gebäude dieser Anstalt innerhalb der Stadt gelegen ist, und gewiss Bewohnerinnen eben der letzteren als Schwangere und Kreissende daselbst Hilfe gesucht haben. Nimmt nach dem Vorausgeschickten Dr. Seyfert einen Einfluss der Witterungsverhältnisse auf Erzeugung des Vrochenbettfiebers an, so kann derselbe nur auf den von Dr. Semmelweis unterm 15. Mai d. J. gehaltenen Vortrag hingewiesen werden, der vielfältig das Gegen- theil beweist, und eben so all’ dessen andere Bedenken in Betreff der wunden Stelle, des zu übertragenden Stoffes, der Desinfektionskraft des Chlor’s und des Vorgangs bei der Entstehung des Puerperal- processes beseitigen wird; daß aber endlich das Puerperalfieber wirk­lich ein pyämischer Process sei, dürfte sich in allen pathologisch­anatomischen Werken der Neuzeit zur Genüge dargestellt vorfinden, eben so wie Herr Dr. Semmelweis mit Anderen in der That der

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