Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Semmelweis' Vortrag über die Genesis des Puerperalfiebers

50 Semmelweis’ Vortrag über die Genesis des Puerperalfiebers. auf die erste geburtshilfliche Schule in dem heut zu Tage häufigen Seciren der Leichen von Seiten der Assistenten und Schüler dieser Klinik vorzugsweise begründet sei, ohne dass aber eine andere Ueber- tragungsweise faulender organische]» Bestandteile auf den mütter­lichen Organismus ausgeschlossen bleibe, wie eine solche bei in Zer­setzung übergegangenen Resten des Mutterkuchens, beim ununter­brochenen Touchiren von kranken und gesunden Schwangeren und Wöchnerinen, sodann bei anderen Patientinnen, die an einer Auflösung der Säfte darniederliegen, angenommen werden müsse. Dieser Idee nun folgend, führte Herr Dr. Semmelweis ein, dass jedweder der Schüler oder sonst Untersuchenden von jeder Exploration einer Schwangeren, Kreissenden oder Wöchnerin seine Hände in einer Chlor­kalklösung sorgfältig wasche, um so jedes möglicher Weise an den Fingern haftende, faulende organische Atom, selbst bis auf den Geruch desselben vollends zu tilgen, und siehe da, der glänzendste Erfolg krönte dies Verfahren, und zwar durch nun schon volle drei Jahre; die Sterblichkeit nämlich, die sonst 8,3 °/0 der Wöchnerinen auf der ersten geburtshilflichen Klinik betrug, ist nun die auch in der Privat­praxis und auf anderen Gebärkliniken beobachtete, nämlich von 2,3 % geworden. — Anderweitig wird die Sache noch dadurch unterstützt, dass, so oft an der Klinik für Hebammen Assistenten waren, die viele Untersuchungen an Leichen machten, auch hier dann diese Krankheit zahlreichere Opfer begehrte, dass ferner vor der Errichtung des all­gemeinen Krankenhauses (1784) bis zur Creirung einer selbstständigen Lehrkanzel für pathologische Anatomie keine sogenannte Puerperal­fieber-Epidemie geherrscht habe, und das Sterblicbkeitsverhältniss der Wöchnerinnen nicht einmal 1% betrug; von der letztgenannten Zeit aber bis zum 1. Mai 1847 nämlich, bis zum Beginne der Chlor­waschungen, als dem Zeiträume der Blüthe der pathologischen Ana­tomie, sind auf beiden Kliniken zusammengenommen 5,7 ü/0, von daher an bis letzten April des heurigen Jahres aber nur 2,2 °/0 gestorben. — Weitere Gründe für den endemischen Charakter des Kindbett­fiebers sind, dass dasselbe ausserhalb der Gebärhäuser nicht so um sich greife, die Jahreszeiten keinen Einfluss üben, dasselbe auch nach traumatischer Verletzung wie sonst keine epidemische Krankheit ent­stehe, und auch bei Thieren, aber nur sporadisch, sich zeige, so wie es selbst künstlich bei letzteren erzeugt werden könne. Das Puerperalfieber nach dem oben angegebenen Wesen des­selben sei daher eben so wenig eine contagiöse als für sich specifische Krankheit, sondern entwickle sich dadurch, dass ein in Fäulniss übergegangener thierisch - organischer Stoff, gleichviel von welchem Kranken immer, und gleichviel, ob vom lebenden Organismus oder vom Cadaver stammend, aufgenommen in die Blutmasse der Wöchnerin die puerperale (pyämische) Blutentmischung erzeuge, hier­auf die bekannte Exsudation und als drittes die Metastasen bilde. Beigebracht aber werden diese Stoffe dem weiblichen Organismus mittelst des untersuchenden Fingers, oder durch den Gebrauch damit imprägnirter Gerätschaften, oder auch durch die nach der Geburt in die Uterushöhle dringende, mit faulenden Stoffen geschwängerte Luft, für welche letztere Mittheilungsweise zwei eklatante Beispiele aufgeführt werden. Daher eine Verhütung dieser Krankheit möglich ist durch Reinigung der Finger, der Utensilien und der Luft, worauf sich nur mehr einzelne Fälle vom Puerperalfieber ergeben werden,

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