Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Die ersten Bekanntmachungen der Semmelweis'schen Lehre

42 Die ersten Bekanntmachungen der Semmelweis’schen Lehre. b) Es waren die sogenannten Gassengeburten auszuheben. Erfolgt die Entbindung auf der Gasse und kommt die Entbundene zur weiteren Pflege in die Gebäranstalt, so wird sie nicht weiter untersucht, ausser in den Fällen, wo die Nachgeburt zu lösen, oder sonst ein krankhafter Zustand der Geburtstlieile zu behandeln ist. Ist die Ansicht des Dr. Semmelweis richtig, so müssen nach Gassengeburten weniger Erkrankungen Vorkommen. c) Man musste sich von den sämmtlichen Gebäranstalten der österreichischen Monarchie, und soweit es möglich, auch von den aus­ländischen, genaue Ausweise über die Zahl der Geburten und Todes­fälle verschaffen, um zu constatiren, ob an allen Anstalten, wo eine Infection durch Leichengift nicht angenommen werden kann, die Sterblichkeit geringer ist. d) Endlich waren Versuche an Thieren vorzunehmen. Der Antrag wurde von dem Professorencollegium mit sehr großer Majorität angenommen, und die Commission sogleich ernannt; allein das Ministerium entschied über einen Protest des Professors der Geburtshilfe, dass die commissionelle Verhandlung nicht statt finden dürfe. In Folge dieser Entscheidung forderte ich den Dr. Semmel­weis auf, die Versuche an Thieren selbst vorzunehmen. Wenn diese gelangen, war die Lösung der übrigen Aufgaben von geringer Wichtigkeit. Zu den Versuchen wurden aus mehrfachen Gründen vorerst Kaninchen verwendet. Erster Versuch. Am 22. März d. J. wurde einem Weibchen x/4 Stunde, nachdem es geworfen hatte, ein mit missfärbigem Exsudate nach Endometritis befeuchteter Pinsel in die Scheide und Uterushöhle eingeführt. Das Thier befand sich darauf zum 24. April scheinbar ganz wohl. Am 24. April wurde es todt gefunden. Section: Die gefaltete Schleimhaut der Hörner des Uterus mit flüssigem schmutzig grauröthlichen Exsudate überzogen, in der linken Brusthöhle etwas Flüssigkeit, der untere Lungenlappen mit einer membrános geronnenen blassgelblichen Exsudatschichte überzogen, sein Parenchym, so wie jenes des hinteren unteren Drittheiles des oberen Lungenlappens grau hepatisirt, der übrige Antheil dieser Lunge so wie die rechte Lunge lufthältig, zinnoberroth. Das Herz in eine blassgelbliche zart villöse Exsudatschichte eingeliiillt und von einigen Tropfen flüssigen Exsudates umspült. Zweiter Versuch. Am 12. April wurde ein Weibchen etwa 12 Stunden nach dem Wurfe von 5 Jungen wie im 1. Versuche be­handelt. Weil das Thier des 1. Versuches sich noch ganz wohl zu befinden schien, so glaubte man bei dem 2. Versuche den Pinsel mehrere Tage nach einander einführen zu sollen. Am 14. April äusserte das Thier beim Einführen des Pinsels Schmerz, der Uterus zog sich heftig zusammen, und presste gelblich weisses dickflüssiges Exsudat aus. Am 17. April zeigte sich das' Thier bedeutend krank, am 22. trat Diarrhöe ein und am 23. April fand man das Thier todt. Die Ein­führung des Pinsels geschah täglich einmal bis zum Tode. Section: In der Bauchhöhle etwas membrános geronnenes, ein­zelne Darmwindungen unter einander verklebendes Exsudat; auf der Vaginal- und Uterinalschleimheimhaut und in deren Gewebe ein gelbes starres Exsudat; die Uterushörner mässig ausgedehnt mit schmutzig­

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