Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Die ersten Bekanntmachungen der Semmelweis'schen Lehre

Die ersten Bekanntmachungen der Semmelweis’schen Lehre. 41 dass über einen so wichtigen Gegenstand eine commissioneile Ver­handlung nicht ausbleiben könne. Meine Anzeige scheint aber blos zur Kenntniss genommen worden zu sein. Eine gegründete Aussicht die Sache recht bald ins Klare zu bringen, lag in dem Umstande! dass in der Prager Gebäranstalt die Erkrankungen von Zeit zu Zeit gleichfalls sehr zahlreich waren und allem Anscheine nach dieselbe Ursache hatten als in Wien. Ich forderte also zur Einführung der Chlorwaschungen in der Prager Gebäranstalt auf. Bei den in Folge dieser Aufforderung an der Prager Lehranstalt gepflogenen Verhandlungen behielt jedoch die Ansicht, dass die Puerperal-Erkrankungen durch epidemische Einflüsse bedingt sind, die Oberhand und man scheint die Chlorwaschungen bisher entweder gar nicht, oder nicht mit Ernst in Anwendung gebracht zu haben. Dr. Semmelweis wandte sich brieflich an mehrere Professoren der Geburtshilfe des Auslandes mit dem Ersuchen, die von ihm aus­gesprochene Ansicht über die Ursache der Puerperalkrankheiten einer Prüfung zu unterziehen. Nur von der kleinen Gebäranstalt in Kiel kam eine bestimmte Antwort. Der Vorstand derselben, Dr. Michaelis, berichtete vom 18. März 1848, dass seine Anstalt wegen der zahlreichen Erkrankungen am 1. Juli 1847 geschlossen wurde und bis November geschlossen blieb. Als sie im November geöffnet wurde, begannen die Erkrankungen von Neuem und er war im Begriff, die Anstalt wieder zu schliessen, als er am 21. Dezember über die Entdeckung des Dr. Semmelweis Nachricht erhielt. Die Chlorwaschungen wurden sogleich eingeführt und seitdem kam nur eine Erkrankung vor, und diese, wie Dr. Michaelis glaubt, in Folge des Gebrauches eines nicht gut ge­reinigten Catheters. Dagegen behauptete Prof. Kiwi sch in Würzburg, nicht selten unmittelbar nach vorgenommenen Sectionen Schwangere und Ge­bärende untersucht und keinen Nachtheil davon beobachtet zu haben. Nachdem gegen Ende des Jahres 1848 die Leitung der Studien den Professorencollegien übertragen wurde, hielt ich dafür, dass es die Pflicht des Wiener medizinischen Professorencollegiums sei, eine in Wien gemachte Entdeckung von so grosser wissenschaftlicher und praktischer Wichtigkeit einer entscheidenden Prüfung zu unterziehen, und derselben, falls sie sich bewähren würde, Anerkennung zu ver­schaffen. Ich stellte darum den Antrag, dass das Professorencollegium zu diesem Behufe eine Commission ernennen solle. Nach meiner An­sicht hatte die Commission folgende Aufgaben zu lösen: a) Es war eine Tabelle, auf der, so weit die Daten reichen, die Zahl der Entbundenen und Gestorbenen von Monat zu Monat ange­geben war, und ein Verzeichnis der Assistenten und Studirenden in der Reihenfolge, in welcher dieselben an der Gebäranstalt gedient und practicirt haben, anzufertigen. Indem Prof. Rokitansky seit 1828 an der pathologisch-anatomischen Anstalt fungirt, so konnten theils aus seiner Erinnerung, theils aus den Sektionsprotokollen so wie durch Einvernehmen anderer Aerzte, denjenigen Assistenten und Studirenden hervorgesucht werden, die sich mit Leichenuntersuchungen befasst haben, und es hätte sich ergeben, ob die Zahl der Erkrankungen in der Gebäranstalt mit der Verwendung der Assistenten und Studirenden in der Sektionskammer im Zusammenhänge stand.

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