Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber
Die offenen Briefe an Professoren der Geburtshilfe. 449 W enn es sich bei gleichbleibender Sterblichkeit nur um eine andere Meinung in Betreff der Entstehung des Kindbettfiebers handeln würde, so hätten Herr Hofrath Recht. Aber nicht meiner Meinung zu sein, ist gleichbedeutend mit „ein Mörder zu sein“. Ich bin der Meinung, dass das Puerperal-Fieber in Folge einer Infection entsteht, und habe im Jahre 1848 45 Wöchnerinnen in die Todtenkammer gesendet. Gustav Braun ist der Meinung, dass das Puerperalfieber epidemischen Ursprunges sei, und Er hat mit seinen unwissenden Schülern im Jahre 1854, also 8 Jahre nach 1847, 400 Wöchnerinnen in die Todtenkammer gesendet u. s. w. u. s. w. Nein, nein, Herr Hofrath, ich bin nicht in massloser Weise gegen meine Gegner zu Felde gezogen; ich habe nicht annähernd die Grösse der Verbrechen bezeichnet, welche meine Gegner begangen.’ Und wenn Sie es aufrichtig bedauern, dass ich in so massloser Weise gegen meine Gegner zu Felde gezogen bin, so weiss ich Ihnen keinen Dank für Ihr aufrichtiges Bedauern, und glaube Ihr aufrichtiges Bedauern wäre besser am Platze, wenn Sie selbes meinen unglücklichen Gegnern zuwenden würden, welche, falls selbe aus ihrer Verblendung erwachen, ob der vielen selbst und durch unwissende Schüler und Schülerinnen ermordeten Wöchnerinnen, gewiss in eine bedauernswerthe Lage gerathen werden. Herr Hofrath sagen: „Genug, über die Theorie der Leicheninfec- tion ist gegenwärtig das Urtheil gesprochen“, und mit diesem Ihren Ausspruche bin ich einverstanden, wenn unter Leicheninfection die Ursache aller Puerperal-Fieberfälle verstanden wird. Wenn Sie aber Herr Hofrath unter Leicheninfection diese Lehre verstehen, welche ich in der Schrift: „Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers“ entwickelte, dann muss Ihnen, Herr Hofrath, dieser offene Brief die Ueberzeugung verschaffen, dass über diese Lehre das Urtheil noch nicht gesprochen. Nachdem ich, wie ich glaube, meine Lehre siegreich gegen Ihre Angriffe, Herr Hofratli, vertheidiget habe, wollen wir sehen, was das für eine Weisheit ist, welche Sie meiner Lehre vorziehen. In der Vorerinnerung sagen Sie, Herr Hofrath, dass die Verheerungen , welche das Kindbettfieber von Zeit zu Zeit unter den Wöchnerinnen, zumal in Gebäranstalten, anstiftet, gerade wieder in der neuesten Zeit die Aufmerksamkeit und die genaueste Forschung der Aerzte und Geburtshelfer auf sich gezogen haben. Herr Hofrath haben mein Werk über Puerperal-Fieber gelesen; Sie könnten wenigstens es wissen, dass der Glanzpunkt meiner Lehre darin besteht, dass in Folge meiner Lehre nicht Eine Wöchnerin von 100 Wöchnerinnen stirbt. Das lehre ich seit 1847, und im Jahre 1861, also 15 Jahre später, erzählen Sie, dass die Verheerungen des Kindbettfiebers in der neuesten Zeit die Aufmerksamkeit der Geburtshelfer auf sich gezogen. Herr Hofrath haben mein Werk mit so wenig Verständniss gelesen dass diese zahlreichen Mordthaten keinen Ausdruck des Unwillens gegen die Mörder Ihnen entlocken. Sie nehmen diese 1 er- heerungen für etwas, was nicht anders sein kann. Herr Hofratli haben meine Werke mit so wenig 1 erständniss gelesen, dass Sie noch vieles Räthselhafte am Puerperal-Fieber finden, während demjenigen, welcher meine Lehre begreift, alles sonnenklar beim Puerperal-Fieber ist. 29 Semmelweis’ gesammelte Werke.