Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber

Herr Hofrath sagen, dass man es nicht einzelnen Aerzten allein überlassen hat, das Räthselhafte des Kindbettfiebers zu erforschen, sondern, dass ganze Collegien und Akademien zusammengetreten sind, um im Interesse der Menschheit und der Wissenschaft gegen jene mörderische Krankheit anzukämpfen. Gerade ein einzelner Arzt, und dieser einzelne Arzt bin ich, hat das Räthselhafte des Kindbettfiebers erforscht, und ich kämpfe seit 14 Jahren an drei Anstalten, welche früher alljährlich von Pseudo- Kindbettfieber-Epidemien heimgesucht waren, mit Erfolg im Interesse der Menschheit und der Wissenschaft gegen diese mörderische Krank­heit; dass aber nach 14 Jahren noch immer nicht in der ganzen Welt mit Erfolg gegen diese mörderische Krankheit gekämpft wird, ist die Schuld meiner Lehre nicht. Die Akademie der Medicin in Paris hat in ihren viermonatlichen Verhandlungen über Puerperal-Fieber nur dürres Stroh zu Tage ge­fördert, wie in meinem Werke in dem Artikel: „Arneth, die Akademie der Medicin in Paris und Dubois“, Seite 455*) zu lesen, und das dürre Stroh, welches die Verhandlungen holländischer Aerzte über Puerperal- Fieber zu Tage gefördert haben, und welches Sie, Herr Hofrath, zur Belehrung der deutschen Geburtshelfer nach Deutschland verpflanzt haben, reiht sich würdig dem französischen dürren Stroh an. Die französischen Verhandlungen nennen Sie, Herr Hofrath, „merkwürdige Verhandlungen.“ Sie nennen selbe ein „Brillant tournoi“, müssen aber dennoch gestehen, dass diese Verhandlungen leider den Gegenstand nicht einmal einigermassen dem gewünschten Abschlüsse näher bringen konnten. Ist das ein „Brillant tournoi“, welches nur Unsinn hervorbringt? Merkwürdig kann man allenfalls diese Verhandlungen nennen, aber nur deshalb merkwürdig, weil selbe gezeigt haben, welch’ krasse Ignoranten in Betreff des Kindbettfiebers selbst die ersten Aerzte Frankreichs sind. An der Discussion haben sich betheiligt: Depaul, P. Dubois, Beau, Trousseau, Cruveilhier, Danyau, Cazeaux, Bouillaud, Velpeau, Guérin etc. Mit welchem Scharfsinne die Verhandlungen über Puerperal- Fieber in der Akademie der Medizin in Paris geführt wurden, geht unter Anderem auch daraus hervor, dass diese Infectoren, die sich Epidemiker nennen, und welche der Ansicht sind, dass die atmo­sphärischen epidemischen Einflüsse, welche das Kindbettfieber hervor- rufen, von so grosser Verbreitung sind, dass die Wöchnerinnen in Gebärhäusern, welche in grosser Entfernung von einander liegen, z. B. die Wöchnerinnen im Pariser und die Wöchnerinnen im Wiener Gebärhause, gleichzeitig in Folge derselben atmosphärischen epide­mischen Einflüsse erkranken und sterben; dass diese Infectoren, welche sich Epidemiker nennen, dadurch die Wöchnerinnen gegen diese Ein­flüsse schützen wollen, dass sie die Individuen in Privat-Wohnungen entbinden lassen; also der atmosphärische Einfluss, welcher von Paris bis Wien reicht, reicht nicht bis zu den Privat-V ohnungen V ien s und Paris. Wird der Unterricht in den Privat-Wohnungen nicht fort­gesetzt, so werden die Wöchnerinnen gesund bleiben, aber nicht des­halb, weil selbe in Privat-Wohnungen gegen atmosphärische Einflüsse *) [Seite 373.] Semmelweis’ Abhandlungen und Werk über das Kindbettüeber.

Next

/
Thumbnails
Contents