Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber

Wenn Sie, Herr Hofrath, lehren würden, dass jedes Puerperal­fieber durch Resorption eines deletären Stoßes entstehe, und dass man die Sterblichkeit durch Verhütung der Infection von Aussen auf nicht Eine Todte unter 100 Wöchnerinnen beschränken könne, und wenn wir dann verschiedener Ansicht wären, aus welcher Quelle mehr in- ficirt wurde zur Zeit, wo mehr Wöchnerinnen starben als Eine von 100, so würde ich deshalb nicht mit Ihnen, Herr Hofrath, zanken; ich würde mich vollkommen beruhigt fühlen durch die Wahrheit, die Sie lehren, dass das Kindbettfieber auf nicht Eine Todte unter 100 Wöchnerinnen beschränkt werden könne. Aber so verhält sich die Sache nicht. Sie opfern einzelne Wöch­nerinnen der cadaverösen Infection, um desto mehr Wöchnerinnen übrig zu behalten zur Ermordung durch epidemische Einflüsse und durch andere ätiologische Momente, welche Sie aufzählen, und welche wir beurtheilen werden. Ihre Lehre führt zur Ermordung der Wöchnerinnen, und, nach­dem ich den unerschütterlichen Entschluss gefasst habe, dem Morden ein Ende zu machen, so trete ich diesen Ihren mörderischen Irrthümern entschieden entgegen. Herr Hofrath sagen, dass die Akademie der Medicin in Paris unter Orfila’s Vorsitze sich gegen meine Lehre erklärt habe, und Sie halten die Akademie der Medicin und Orfila für eine so entscheidende Autorität, dass Sie es für überflüssig erklären, sich noch um andere Gründe umzusehen zur Bekämpfung meiner Lehre; ich gestehe, dass ich die Pariser nicht für so entscheidende Autoritäten halte; denn die vier­monatlichen Verhandlungen in der Akademie der Medicin in Paris im Jahre 1858, also 11 Jahre nach 1847, über Kindbettfieber, haben mir die Leberzeugung verschafft, dass die Pariser Aerzte es sehr nöthig hätten, nach Pest zu kommen, um über Puerperal-Fieber aufgeklärt zu werden. Ich habe in meiner Schrift, Seite 456,*) erklärt, dass ich mir selbst im Wege des Buchhandels die betreffende Schrift nicht habe ver­schaffen können. Was Carl Braun die Akademie sagen lässt, habe ich in meiner Schrift, Seite 456,*) widerlegt; ich wundere mich, dass Carl Braun einen Grund durch die Akademie gegen mich anführen lässt, von dem Er so gut wie ich wusste, dass er falsch sei. Falls Herr Hofrath im Besitze dieser Quelle sind, würden Sie mich zu grossem Danke verpflichten, wenn Sie mir selbe für kurze Zeit einsenden würden. Herr Hofrath sagen, dass die Semmelweis’sche Annahme auch von vielen anderen Seiten dieselbe Widerlegung erhalten hat. Ich theile diese Ansicht nicht; ich glaube vielmehr, dass ich meine Gegner widerlegt habe, und der Grund, warum ich das glaube, ist der, dass so vorlaute Leute wie Scanzoni, Carl Braun u. s. w. u. s. w. nach 8 Monaten noch immer keine Antwort gefunden, gewiss nur deshalb, weil Sie sich für besiegt halten. Es wäre mir nur angenehm, wenn meine Gegner etwas antworten würden; denn, würden Sie etwas anderes antworten als „peccavi“, so würde ich nur erneuerte Gelegen­heit haben, meiner Lehre zu einem glänzenden Sieg zu verhelfen. Herr Hofrath sagen, dass ich in massloser Weise gegen Alle, die nicht meiner Meinung sind, oder die auch nur Zweifel über dieselbe zu äussern wagten, zu Felde gezogen sei. !) [Seite 373.] Semmelweis’ Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.

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