Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber

gründet, dass ein solcher Arzt oder Hebamme eine längere Zeit einen Kranken oder eine Kranke behandeln, deren Krankheiten zersetzte Stoffe erzeugen, wodurch die Kreissenden, welche während dieser Zeit untersucht werden, inficirt werden. Dass peinliche Gemüths-Affecte kein ätiologisches Moment des Kindbettfiebers seien, habe ich in meiner Schrift von Seite 374. Zeile 3 von unten bis Seite 389*) bewiesen. Wenn Sie daher sagen lassen, dass Gemüthsaffecte ihre Er­krankungen nicht hervorgerufen haben, weil keine Studirenden während der Pseudo-Epidemie zu den Geburten zugelassen wurden, so haben Sie eigentlich, Herr Hofrath, sagen wollen, dass diese Erkrankungen nicht in Folge einer Infection von Aussen entstanden sind, weil ja die Schüler nicht untersucht haben. Für so gewissenlos halte ich Sie, Herr Hofrath, denn doch nicht, um vorauszusetzen, dass diese Gehurten ohne alle Untersuchung vor sich gegangen; vielleicht haben Herr Hofrath selbst oder Ihr Assistent diese Kreissenden untersucht, um zu bestimmen, ob eine normale oder abnorme Geburt zu erwarten stehe; es ist um so wahrscheinlicher, dass während dieser Pseudo- Epidemie untersucht wurde, weil viermal mit der Zange operirt wurde, und einmal wurde eine Wendung gemacht; Herr Hofrath haben ver­gessen, dass zwei ihrer Zimmer gynäkologischen Kranken gewidmet sind. In einer gynäkologischen Abtheilung gibt es oft Kranke, deren Krankheiten zersetzte Stoffe erzeugen, und es ist nicht nöthig, dass Studirende untersuchen, um eine Pseudo-Epidemie hervorzurufen, dazu genügt der Herr Hofrath und der Assistent, welcher in der gynä­kologischen Abtheilung und in dem Kreissezimmer untersucht. Und wenn Sie Herr Hofrath auch in dem Umstande, dass nicht blos auf der dritten Abtheilung Erkrankungen vorgekommen sind, sondern auch auf der zweiten und ersten, wohin, ausser im Falle einer Erkrankung, kein männliches Individuum kömmt, auch einen Grund finden, die Erkrankungen epidemischen Ursprungs zu halten, so theile ich diese Ansicht nicht; ich glaube vielmehr, dass die Hebamme, welche dort die Gebärenden untersucht, bei dem Würz­burger Publikum Vertrauen besitzt, weil selbe bei Ihnen dient, dass selbe daher Privatpraxis ausübt, und, da selbe gewiss nicht mehr weiss, als Sie, Herr Hofrath, wie man das Puerperal-Fieber verhütet, so wird selbe, wenn sie mit Kranken, welche zersetzte Stoffe erzeugen, in Berührung kommt, inficiren. Sie sehen daher, Herr Hofrath, dass das für die Wöchnerinnen der zweiten und ersten Classe kein Schutz gegen Puerperal-Fieber ist, dass dorthin keine männlichen Individuen kommen; eine unwissende Hebamme ist allein gefährlich genug. Meine Lehre basirt unter anderem auch darauf, dass es mir in Folge meiner Lehre gelungen ist, von Mitte Mai 1847 bis 25. Mai 1861 an drei Anstalten, welche früher alljährlich von furchtbaren Pseudo-Kindbettfieber-Epidemien heimgesucht waren, die Sterblich­keit in dem Grade zu beschränken, dass die sich ereignete Sterblichkeit keine Epidemie genannt werden kann, und, wenn ja manchmal die Sterblichkeit grösser war, als selbe in meinen Anstalten zu sein pflegte, so konnte immer nachgewiesen werden, dass trotz meinen Massregeln den Individuen zersetzte Stoffe von Aussen eingebracht *) [Seite 324, Zeile 1 von oben bis Seite 333.] Semmelweis’ Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.

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