Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Vorwort

IV Vorwort. Semmelweis’ den Lorbeer zu entreissen beflissen war. Selbst Zweifel’s im Jahre 1897 gesprochenes Wort: „Prioritätsansprüche gegen Semmel­weis werden kein Glück mehr haben und ihren Verfechtern nicht zum Ruhme dienen,“ — selbst dieses Wort ist seither nicht gehörig beherzigt worden und hat nicht zur nöthigen Vorsicht betreffs der Prioritätsfragen geführt. Auch seither kam es wiederholt zum Streite; der letzte wurde 1904 — selbstverständlich zu Gunsten von Semmel­weis — ausgetragen. Ich hoffe es zuversichtlich, dass mit der vorliegenden Ausgabe seiner Schriften den unbegründeten Prioritätsansprüchen endgiltig ein Ende bereitet werden wird. Sie alle werden an der nun­mehr ermöglichten Totaleinsicht in seine Werke von nun an scheitern. Denn die Schriften von Semmelweis sind so deutlich und durchsichtig concipirt, seine Lehre selbst steht so felsenfest da, dass selbst die oberflächliche Bekanntschaft mit ihr zu der Ueberzeugung führen muss, sie sei nicht umzustossen und alle gegen sie gerichteten An­griffe müssten wirkungslos an ihrer unumstösslichen Wahrheit ab- prallen. In der vorliegenden Ausgabe der Semmelweis’schen Schriften findet der geneigte Leser auch Abhandlungen aus der Feder von Hebra, Routh, Haller und Skoda. Es entsteht dabei die Frage, wieso diese hier herein gehören? — Semmelweis hatte, wie er selbst sagt, „eine angeborne Abneigung gegen Alles, was Schreiben heisst“. Diese Abneigung bezwang er erst spät. Erst 1858 publicirte er seine 1847 gemachte Entdeckung in ungarischer, 1860 in deutscher Sprache, als er sich schon Vorwürfe über sein langes Schweigen zu machen an­fing. Die ersten Publicationen seiner Entdeckung wurden von den oben Genannten besorgt; sie waren die ersten Stimmen die sich für seine Ideen einsetzten, seine Lehren zu verbreiten trachteten. Ihre Schriften bleiben aber nichtsdestoweniger immer das geistige Product von Semmelweis. Dies der Grund, wesshalb sie in seine gesammelten Werke unumgänglich hineingehören. Auch die Vorträge, die Semmelweis in der k. k. Gesellschaft der Aerzte zu Wien im Jahre 1850 hielt, hatte er nicht zu Papier ge­bracht. Glücklicher Weise sind sie jedoch in den Sitzungsprotocollen der Gesellschaft erhalten geblieben. Vom Jahre 1858 an entwickelte Semmelweis hingegen eine umso grössere litterarische Thätigkeit. Er fühlt es nun als „unabweisbare Pflicht, für die Wahrheiten, zu deren Vertreter ihn das Schicksal er­koren“, auch schriftlich einzustehen. „Es kommen nicht mehr meine Neigungen, sondern das Leben derjenigen in Betracht, die an dem Streite, ob ich oder meine Gegner Recht haben, keinen Antheil nehmen“ — sagt unser Autor in dem Vorworte seines grossen, 1860 publicirten Werkes. Als jedoch die Wahrheit selbst nach dessen Erscheinen nicht durchdrang, da erschienen die berühmten — oder wie man sich öfters ausdrückte: berüchtigten — „Offenen Briefe“. Es ist viel über sie geschrieben worden; sie wurden unter verschiedenerlei Beurtheilung besprochen, namentlich ihr scharfer Ton getadelt. Ich möchte hier einmal die Sache nicht nach den conventiellen Formen, sondern von ihrer psychologischen Seite aus beleuchten. Da wird dann selbst der Ton dieser Briefe verständlich, wenn man bedenkt, dass Semmelweis dreizehn volle Jahre hindurch mit der tiefsten, ja feierlichen Ueber-

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