Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Die ersten Bekanntmachungen der Semmelweis'schen Lehre

diesen ist es evident, dass die Contagiosität des Puerperalfiebers in Wien weder von Berührung, noch von anderer directer oder indirecter Ansteckung herrührt. Infection. — Infection — ein „besonderer krankhafter Einfluss durch die Athmosphäre, der ausserhalb des Bereiches der persönlichen Berührung vielleicht durch die Respiration wirksam ist“, und der sowohl von epidemischer Ansteckung als von dem Contagium im eigentlichen Sinne wohl zu unterscheiden ist — wäre nach meiner Auffassung im Falle des Wiener Krankenhauses gar nicht in Com­bination zu nehmen. Viele Thatsachen, die im Zusammenhänge mit der Frage der Ansteckung angeführt wurden, eignen sich dazu, die Annahme der Infection zu widerlegen; unter andern z. B. auch das Fehlen der Fieberfälle unter den Ammen. Ausserdem ist hier kein Umstand aufzufinden, der die Infection begünstigen würde, wie Mangel an Lüftung, Reinigung u. s. w. in den Krankenzimmern. Die Leintücher werden beständig gewechselt, die Krankenzimmer jeden Tag theilweise, jeden dritten bis vierten Tag aber gründlich gereinigt, wobei selbst die Matratzen gewechselt werden. Es herrscht also in jeder Abtheilung die vollkommenste Reinlichkeit. Ist eine Patientin an Puerperalfieber erkrankt, so wird sie unverzüglich in eine abge­sonderte Abtheilung geschafft. Ferner haben wir noch ein triftiges Argument gegen die Annahme der Infection in der Thatsache, dass gerade in den Zimmern der Hebammen, die doch minder ge­räumig und luftig sind, als die Zimmer der ersten Abtheilung, die Fieberfälle seltener Vorkommen. Diese Betrachtungen berechtigen also zu der Folgerung, dass die Infection nicht als eigentliche Ur­sache des Puerperalfiebers in Wien zu betrachten ist. Directes Beibringen von giftigen Stoffen oder In­oculation. — Dr. Blackman in Edinburgh war der erste, der die Möglichkeit erkannte, dass der behandelnde Arzt selbst die Krankheit beibringen könnte, indem er giftige Stoffe subter ungues bei einer Untersuchung per vagin am einführt.x) Obwohl dieser Umstand auch von Anderen geahnt wurde, hat ihn meiner Meinung nach zu­erst deutlich Dr. Semmelweis, der ausgezeichnete Assistent an der Wiener geburtshilflichen Abtheilung erkannt. Angesichts einiger Thatsachen kam Dr. Semmelweis auf' die Folgerung, dass die eigent­liche Ursache der Infection die Hände der Aerzte seien, die mit Leichengift inficirt waren. Die Herren haben, indem sie den Demonstrationen in der Todtenkammer beiwohnten, die ein­zelnen Krankentheile oft mit den Händen berührt. Nun hat Dr. Semmel­weis festgestellt, dass die Hände, selbst wenn sie gewaschen werden, einen eigen thümlichenLeichengeruch beibehalten, der einige Stunden, oft sogar bis zum nächsten Tag an dauert. Das Vorhanden­sein des Geruches lässt auf eine, wenn auch geringe,_ Menge von Leichengift — auf der Oberfläche, oder in die Epidermis eingesogen — schliessen. Wenn man ausserdem bedenkt, dass in der Todten­kammer oft wegen Mangel an Handbürsten, Seifen, warmem Wasser die Hände garnicht genügend zu reinigen sind, so ist es mehr als wahrscheinlich, dass das Leichengift unter den Nägeln stecken bleibt, und folglich bei Untersuchungen per vaginam un­x) Proy. Med. and Surg. Journal No. XXV, 1845. Die ersten Bekanntmachungen der Semmelweis’schen Lehre.

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