Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)
Die ersten Bekanntmachungen der Semmelweis'schen Lehre
Die ersten Bekanntmachungen der Semmelweis’schen Lehre. 29 Gleicherweise wurde beobachtet, dass Patientinnen, die zwischen solchen Pueipeialfieber-Kranken lagen, trotzdem dem Puerperalfieber entgingen. Obwohl die erwähnten Fälle noch nicht als positive Beweise zu betiachten sind, bieten sie dennoch mindestens negative Anhaltspunkte, da sie in Folge ihrer Häufigkeit eine gewisse Folgerung zulassen. Mit der zweiten Abtheilung hat es dieselbe Bewrandt- niss. Es werden da dieselben Massregeln beobachtet und also der angeblichen Ansteckung dasselbe günstige Terrain geboten, mit dem Unterschiede, dass hier die Hebammen sich noch länger an einem Bett aufhalten. Wäre also Ansteckung die Ursache des Fiebers, so müsste es in der zweiten Abtheilung noch häufiger Vorkommen als in der ersten, während bekanntlich gerade das Gegentheil stattfindet. Drittens. Das Strassburger Spital scheint ebenfalls die conta- giöse Natur der Krankheit zu widerlegen. Hier kommt es vor — und zwrar gewöhnlich jedes zweite Jahr — dass das Fieber so epidemisch wird, dass die Schliessung der Anstalt behufs Desinficirung nothwendig wird. Die Patientinnen, die zu jener Zeit vom Puerperalfieber befallen sind, werden in die Abtheilung für Hebammen überführt, Die Erfahrung lehrt nun, dass dadurch die Krankheit nicht verbreitet wird. Diese Thatsache wird mit Bezugnahme auf Dr. Wrieger als Autorität angeführt. Mertens. Es wrurde schon oben der acht Hebammen und sechszehn Ammen Erwähnung gethan, die in Wien in der ersten Abtheilung beschäftigt sind. Nun müssen Erstere laut Vorschrift ver- heirathete Frauen sein und wahrscheinlich besteht dieselbe Verpflichtung auch für die Letzteren. Sie alle sind in fast beständiger Berührung mit Puerperalfieber-Kranken. Die meisten, wenn nicht alle, entbinden gleichfalls im Spital, wobei ihnen ohne Ássistirung eines Arztes in einer separaten Abtheilung eine der Ammen die Geburtshilfe leistet. Hier haben wrir also den Fall, wo die Möglichkeit der Ansteckung in hohem Masse obwmltet, dennoch aber hat Verfasser kein einziges Beispiel verzeichnen können, wro die Niederkunft einer Hebamme oder Amme mit einem Puerperalfieber com- plicirt gewesen wräre. Fünftens und schliesslich: Die einzige Thatsache, welche die Vermuthung einer Ansteckung zuliesse, wäre folgende: Es ist öfters vorgekommen, dass das Kind einer Puerperalfieber-Kranken beim Beginn der Krankheit der Mutter starb und dass die Untersuchung post mortem des Kindes stets Peritonitis als Todesursache ergab. Die Thatsache ist wuchtig, da Peritonitisfälle auch bei Männern, deren Frauen an Puerperalfieber erkrankt waren, nach den Beobachtungen des Dr. Storr vorgekommen sind. Nichts destowreniger ist dieses Argument nicht genügend kräftig um die Ansteckung zweifellos zu machen. Da wir allen Grund haben anzunehmen, dass in Fällen des Puerperalfiebers die Lochien ebenso giftig sind, wie puerperale Abscesse u. dergl., dass sogar das ganze Blut inficirt und deshalb auch das Kind durch die schädlichen Bestandtheile der Muttermilch afficirt wrerden kann, so liegt es auf der Hand, dass die Auffassung sehr zulässig ist, es wäre die giftige Muttermilch (wrelche von allen Secreten am leichtesten von dem Zustande der Mutter beeinflusst wdrd), welche die Peritonitis verursacht (wde denn auch die Cantha- riden Entzündungen in der Urethra hervorrufen können). Nach allem