Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Die ersten Bekanntmachungen der Semmelweis'schen Lehre

28 Die ersten Bekanntmachungen der Semmelvveis’schen Lehre. Hauptursache einer Entzündung' und einem derselben folgenden Puer­peralfieber vorgebeugt ist. 3. Das Puerperalfieber ist in der Privatpraxis der Accou­cheurs verhältnissmässig selten. 4. Endlich wird durch das Pariser Hőpital de la Maternité der Beweis für die Unhaltbarkeit der erwähnten Annahme geliefert, in­dem daselbst die Entbindung ausschliesslich den Hebammen obliegt und die Sterbefälle dennoch ebenso häufig sind. Es ist also als eine erwiesene Thatsache anzusehen, dass das Puerperalfieber nicht der rohen Behandlung männlicher Geburtshelfer zuzuschreiben ist. Ansteckung. — Da die Erscheinung der Ansteckung als die Ursache so vieler Krankheiten betrachtet wird, wollen wir ins Auge fassen, in wieferne dieselbe fähig ist, Puerperalfieber zu verursachen. Dass die directe Berührung mit dem Contagium, der mittelbare oder unmittelbare Verkehr mit den von Puerperalfieber befallenen Personen, dass ferner das Verschleppen von ansteckenden Krank­heiten, wie Typhus, Erysipelas und andere Fieberkrankheiten in vielen Fällen Puerperalfieber unter den Patientinnen hervorgerufen hat, unterliegt keinem Zweifel. Die Aerzte Copland, Collins, Rigby, Lee, Gooch, Ferguson, Blackmore, Piddie, Storr und viele andere be­richten über solche Fälle. Dr. E. Murphy in London machte die Fachleute schon gelegentlich der Dubliner Epidemie darauf aufmerk­sam, wobei nachgewiesen wurde, dass Aerzte, welche einen Puerperal­fieber-Fall behandelten und dann andere entbindende Frauen be­suchten, ohne vorher die Kleider zu wechseln, fast immer die Keime der Krankheit fortgepflanzt haben. Dieselbe Thatsache wird durch das Beispiel eines deutschen Studenten bekräftigt, der die gynäkolo­gische Praxis ausser- und innerhalb des Spitals ausübte, und die noth wendigen Massregeln der Reinlichkeit bezüglich des Kleider- wechselns etc. nicht beobachtete und eben deshalb in jedem Falle seiner Praxis den Patientinnen das Puerperalfieber beigebracht hat, währenddem andere, welche minder nachlässig waren, ein erfreu­licheres Resultat aufzuweisen hatten. Verfasser war mit dieser Thatsache im Klaren und machte dies­bezüglich besondere Forschungen in Wien, allein die gewonnenen Ergebnisse waren von geringem Werthe. Erstens erschien es nicht als wahrscheinlich, dass das Fieber z. B. durch Ansteckung mit Typhus, welche Krankheit bekanntlich zu den gewöhnlichsten und verhängnissvollsten in Wien gehörte, verursacht sein könne. Es war nicht nachzuweisen, dass auch nur einer der Fieberfälle von solcher Ansteckung herrühre, noch hatte eine Typhuserkrankung der Ammen und Wärterinnen u. s. w. Puerperalfieber-Fälle zur Folge. Was zweitens die Verbreitung der Krankheit durch die Kleider der Pfleger anbelangt, so wird diese Annahme durch das Wiener Krankenpflege-System selbst widerlegt. Die Aerzte und Hebammen sind beständig bei den Betten der Puerperalfieber-Kranken, und zwar gewöhnlich in derselben Kleidung. Verfasser selbst hatte fortwährend dasselbe Kleid, das er für die Dienstverrichtung im Spital reservirt hatte, anbehalten; er hielt sich oft sehr lange an dem Bette einer Schwerkranken auf und behandelte sie auch, ohne dass er dabei die Krankheit in die übrigen Krankenabtheilungen fortgeschleppt hätte.

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