Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Die ersten Bekanntmachungen der Semmelweis'schen Lehre

Die ersten Bekanntmachungen der Semmel weis'schen Lehre. 27 vielen, untersucht wird. Der practische Unterricht wird auch in einem privaten Curs ertheilt, wo Operationen an weiblichen Leichen vorgenommen werden. Der klinische Unterricht wird in der zweiten Abtheilung nach demselben Plan geführt, die Untersuchungen werden gerade so häufig vorgenommen; allein die practischen Demonstrationen und die Operationen werden nicht an Leichen, sondern an Lederphan­tomen vollzogen. Diese Thatsache ist besonders zu betonen. Die Einzelheiten mögen etwas geringfügig erscheinen, doch sind sie von viel zu wichtigen Folgen, um von ihnen absehen zu können. Die furchtbare Sterblichkeit der ersten Abtheilung im Verhältniss zu der zweiten wurde endlich so berüchtigt, dass viele Frauen sich sträubten, wenn man sie in jener als Patientinnen zuwies, und dass die öffentliche Stimme endlich die Behörde bewog eine Untersuchung in der Angelegenheit einzuleiten. Die zu solchem Behufe ausgesandte Commission kam zu dem Schluss, dass das Umsichgreifen des Fiebers der überaus grossen Anzahl der assistirenden Studenten zuzuschreiben ist. Demzufolge wurde deren Zahl von vierzig auf dreissig herab­gesetzt. Allein das Sterblichkeitsverhältniss zwischen den beiden Ab- theilungen bestand unverändert fort, so dass es augenscheinlich war, dass die wirkliche Ursache noch nicht gefunden war. Dieser auffallende Unterschied zwischen den zwei Abtheilungen erregte allerdings die Aufmerksamkeit der Fachleute; man führte sogar analoge Fälle in anderwärtigen Spitälern an. So behauptete man z. B., dass in Prag, wo auch diese geschilderte Zweitheilung be­steht, die Sterblichkeit in der Abtheilung der Aerzte eine noch größere sei als in Wien, während diese in der Section, wo nur Heb­ammen beschäftigt sind, eine sehr geringe ist. Auch in Strassburg gibt es — wie Verfasser von Dr. Wrieger, einem practischen Arzte daselbst erfuhr — zwei Abtheilungen, mit dem gleichen Unterschied an Sterblichkeitszahl, so dass es manchmal sich als nothwendig er­wies, die Abtheilung der Aerzte behufs Desinficirung der Kranken­zimmer zu schliessen; bei den Hebammen hingegen waren Puerperal­fieber-Fälle selten. Die sprichwörtliche Sterblichkeit in dem Pariser „Höpital Clinique“, wo ausschliesslich männliche Aerzte und Studenten beschäftigt sind, wurde als trauriger Beleg dafür angeführt, um die verderblichen Ergebnisse der männlichen Geburtshilfe zu beweisen. Die erste und begreiflichste Annahme war, dass das Fieber in erster Eeihe von der rohen Behandlung der männlichen Geburtshelfer her­rühre, denn sie verursache in den Genitalien Entzündungen, welche durch Verbreitung nach aufwärts die Entstehung des Puerperalfiebers zu Folge hätten, während die Manipulation der Hebammen eine viel zartere und deshalb auch viel verlässlichere wäre. Eine kleine Ueber- legung und einige positive Beispiele genügten aber gerade das Gegen- theil zu beweisen. 1. Wäre — wie Dr. Semmelweis (auf den wir noch zurückkommen werden) bemerkt — diese Annahme richtig, so würde ein jeder schwierigere Fall, wo eine Operation benöthigt wird, ein Puerperal­fieber zu Folge haben, was jedoch den Thatsachen nicht entspricht. 2. Männliche Geburtshelfer sind an anatomischen und physio­logischen Kenntnissen den Hebammen weit überlegen, sie vermögen also die Diagnose viel leichter und schneller, mit weniger Manipu- liren und Herumtasten festzustellen, so dass hierdurch gerade der

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