Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)

1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien

86 „Zur Theorie der Puerperalfieber. Von Dr. Eduard Lumpe. ,Der Wahrheit eine Gasse.4 Wenn man bedenkt, wie seit dem ersten Auftreten von Puerperalfieber­epidemien die Beobachter aller Zeiten sich die Köpfe zerbrachen, um die Ursachen derselben aufzufinden und ihre Entstehung zu verhüten, so muß uns die Semmelweis’sche Theorie geradezu wie das Ei des Columbus er­scheinen. Ich gestehe, daß ich selbst anfangs hoch erfreut war, als ich von den glücklichen Resultaten der Chlorwaschungen hörte, und es ist es mit mir gewiß jeder gewesen, der das Unglück hatte, Zeuge zu sein, wie so viele in jugendlicher Erische erblühende kräftige Individuen der verheerenden Seuche ebenso schnell zum Opfer fielen, als manche entnervte gebrechliche Jammergestalten. Allein da ich während meiner zweijährigen Assistenzeit an der I. Gebärklinik so ungeheuere Schwankungen der Erkrankungs- und Sterbefälle beobachtet hatte, mußte wohl mancher gerechte Zweifel gegen die beliebte Entsteliungs- und Verhütungsart in mir erwachen. Je schärfer ich diese Zweifel ins Auge faßte, desto deutlicher standen sie als logische Widersprüche vor mir, gegen welche die pia desideria der Humanität auf dem Beide der exakten Wissenschaft nicht Stand zu halten vermögen. Nach Semmelweis ist „das Puerperalfieber nichts als Pyämie — die Ursache das Leichengift (faulende organische Stoffe) — Träger der untersuchende Linger, Utensilien, die Luft im Zimmer. Alle diese Bälle können verhütet werden durch Reinigen der Hände — der Utensilien — durch Lüftung”. Wenn das Leichengift die Ursache einer Krankheit ist, so muß not­wendig die Wirkung desselben (da man logischerweise keine spezifische Disposition dafür annehmen kann) in einem direkten bestimmbaren Ver­hältnisse zu dieser Ursache stehen; also je häufiger das Leichengift durch den untersuchenden Linger etc. auf Wöchnerinnen übertragen wird, desto häufiger müssen die Erkrankungs- und Sterbefälle sein und umgekehrt. — Sehen wir nun, wie sich die Tatsachen mit dieser Borderung der unerbitt­lichen Logik vertragen. Beim ersten Blick auf die von mir in der letzten Sitzung der Gesell­schaft mitgeteilte Zusammenstellung der Monatsrapporte vom September 1840 bis September 1842 sehen wir erstens eine graduelle, ziemlich gleichmäßige Zu- und Abnahme der Sterbefälle, und zweitens eine so enorme Differenz zwischen dem Maximo und Minimo (Maximum 291/3°/0, Minimum 4/5°/o)> daß man dabei an alles andere früher, als an eine gemeinsame, sich gleichbleibende Ursache denken möchte. Stellen wir nun damit das Maximum der Sterblichkeit beim Gebrauch der Chlorwaschungen zusammen — es starben im März 1849 20 Wöchnerinnen,*) so können wir, wenn Semmelweis’ Theorie wahr ist, nur die über dieses Maximum hinausgehenden nach logischen Gesetzen als Ver­giftungsfälle gelten lassen, und wir werden in konsequenter Schlußfolge zu der Behauptung gedrängt, daß ein Gift, welches so intensiv ist, daß die geringste materiell kaum nachweisbare Menge die gesundeste Wöchnerin zu töten vermag, sich durch lange Zeit mild wie Mandelmilch verhält, dann *) Dr. Semmelweis erklärt zwar, daß, wie man ihm sagte, zur Zeit dieser großen Sterblichkeit die Chloricaschungen nachlässig gemacht wurden. Ob und wiefern dies richtig sei, darüber muß Dr. Braun, in dessen Assistentenzeit dieser Monat fällt, zur eigenen Becht- fertigung genauere Auskunft geben; ich kann auf ein bloßes on dit keine Bücksicht nehmen.

Next

/
Thumbnails
Contents