Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)
1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien
87 wieder wie verheerender Pesthaucli durch die Wochenzimmer streift. Denn vom Februar 1841 bis inklusive September 1841, also durch volle 8 Monate; dann vom Mai bis inklusive Juli 1842 blieb die Zahl der Sterbefälle immer, und — mit Ausnahme zweier Monate — sogar sehr weit unter 20. — — Da das Leichengift keine spezifische Disposition voraussetzt, so hängt die Entfaltung seiner Wirkung nur von der Leichtigkeit seiner Aufnahme und der Häufigkeit der direkten Übertragung ab; je größer diese, desto größer muß die Anzahl der Ergriffenen sein. Geben wir selbst einen geringen Unterschied der Aufnahmsfähigkeit zu, so darf sich das Verhältnis doch nie umkehren, so daß die Erkrankungen desto seltener werden, je häufiger die direkten Mitteilungen geschehen. Die Leichtigkeit der Aufnahme kann bei allen als gleiche angenommen werden, denn die resorptionsfähige Stelle über dem inneren Muttermunde ist bei allen vorhanden und für aufzunehmende Stoffe von außen gleich zugänglich. Sehen wir also betreffs der Häufigkeit der Übertragung nach der Tabelle und greifen wir den Vorkämpfer der Ansteckungstheorie als ehrliche Gegner auf demselben Felde, wo er sich bewegt :— dem festgestampften Boden der Statistik — und mit denselben Waffen an.” Lumpe entnimmt nun seiner Tabelle, daß während seiner Assistenzzeit auf der I. Gebärklinik (September 1840 bis September 1842) das Maximum der Sterblichkeit auf solche Monate fiel, in welchen er keinen Kurs mit Übungen an Leichen von Wöchnerinnen hielt, und das Minimum gerade auf solche Monate, in welchen er einen oder zwei Kurse mit Leichenübungen abhielt. Auch die Zahl der künstlichen Geburten, bei denen doch die Gefahr einer Infektion eine doppelte war, weil gerade diese Gebärenden am häufigsten untersucht wurden und die Stelle am inneren Muttermunde am sichersten unmittelbar berührt wurde, stand keineswegs im geraden Verhältnis zur Sterblichkeit. Mehrmals ergab es sich, daß, je häufiger die Infeldionsgelegenheiten, desto geringer die Anzahl der Ergriffenen war. Lumpe bestreitet ferner, daß die Verhältnisse auf beiden Gebärkliniken im übrigen die gleichen seien. Denn auf der I. Klinik sei wegen der häufigeren Aufnahmstage eine vollkommene Lüftung der Wochenzimmer höchst selten im Jahre möglich, während sie auf der II. regelmäßig durchgeführt werde. Er ist überzeugt, daß das Puerperalfieber auch außerhalb des Gebärhauses epidemisch vorkommt, nimmt an, daß es durch ein Miasma verbreitet wird und erklärt, er werde in alle Ewigkeit behaupten, daß „der mit Leichengift imprägnierte untersuchende Finger nicht der eigentliche Faden ist, an dem die Infektionskristalle an schießen”. Doch könne er die Chlorwaschungen nicht für überflüssig erklären. Die Infektion durch Leichengift sei jedenfalls nicht der einzige und wahre Erzeuger des Puerperalfiebers; ob sie vielleicht der kleinste unter vielen zur Erzeugung der Krankheit konkurrierenden Faktoren sei, darüber müsse erst eine spätere Zukunft entscheiden. „Bis dahin, glaube ich, sollen wir — warten und waschen. Wien, am 15. Juli 1850.” Ein phantasievoller, sprachgewandter Redner, der nach drastischen Bildern und Vergleichen nicht lange zu suchen brauchte; ein sympathischer Charakter; ein ehrlicher Gegner; ein gelehrter Kopf — Alles, Alles, nur kein Forscher. Lumpe konnte die Natur nicht beobachten