Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)

1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien

81 assistierte. Beim Weggehen wurde jeder zu einer Entbindung gerufen. Mrs. W., von seinem Bruder entbunden, erkrankte den 8. und starb den 11. Sep­tember. Mrs. Cur., deren Entbindung der Verfasser besorgte, erkrankte gleich­falls am 8., genas jedoch. Dr. Storrs hatte im Anfänge des Jahres 1841 so lange Puerperalfieber- kranke zu behandeln, als er ein gangränöses Erysipel, bei welchem er mehrere ausgebreitete Abszesse öffnete und eine große Menge zersetzten Eiters entleerte, in ärztlicher Obsorge hatte, und er fühlte sich endlich ver­anlaßt, diesen Eall von Erysipel einem seiner Freunde zur Behandlung zu übergeben und sich sorgfältig zu reinigen. Hierauf bemerkte er, daß die von ihm bei der Entbindung besorgten Fälle vollkommen wohl blieben. Schon aus diesen einzelnen Daten, welchen noch viele andere, auch aus der deutschen Literatur beigefügt werden könnten, geht hervor, daß die Annahme der perniziösen Einwirkung zersetzter animalischer Stoffe auf Ge­bärende und Wöchnerinnen unter den Ärzten und namentlich unter den eng­lischen eine sehr verbreitete ist, und daß in der Tat Beobachtungen zahl­reich genug vorliegen, welche die Möglichkeit der fraglichen Infektion uns nahe legen. Demungeachtet war die Schwierigkeit, zu einem entscheidenden Resultate zu gelangen, schwer zu überwinden. Die Geschichte des Puerperal­fiebers, sowie die tägliche Erfahrung, lehrten nämlich auf das Unzweifel­hafteste, daß es mörderische, sich gleichzeitig auf ganze Länderstriche aus­breitende Puerperalfieberepidemien und sogenannte sporadische Puerperal­fieber in Unmasse gegeben habe, wo an eine Infektion durch animalische Zersetzungsstoffe nicht zu denken war. Ich selbst habe in der Stadt und auf dem Lande Puerperalfieberkranke behandelt, welche nach der normalsten Entbindung dahingerafft wurden, ohne daß nur eine derartige vorangegangene Einwirkung möglich gewesen wäre. Noch bemerkenswerter ist der Umstand, daß man in einzelnen Zeiträumen alle gegen Infektion empfohlenen Mittel vergebens in Anwendung zog, und gegenteilig wieder ihre Vernachlässigung zu einer anderen Zeit ohne bemerkbaren Nachteil blieb. Professor Skoda sagt Seite 113: „Dagegen behauptet Professor Kiwisch in Würzburg nicht selten unmittelbar nach vorgenommenen Sektionen Schwangere und Gebärende untersucht und keinen Nachteil davon beobachtet zu haben.” — Diese Behauptung muß ich auch jetzt iviederholen und muß auch noch die Tatsache anführen, daß in der hiesigen Gebäranstalt, wo Schwangere und Gebärende von einer großen Zahl Studierender exploriert werden, und wo darauf keine Rücksicht genommen wird, ob der Untersuchende aus der nahe­liegenden Leichenkammer kommt, in den letzten 21/*2 Jahren der Gesundheits­zustand der Wöchnerinnen ein sehr befriedigender ist, wogegen am Schlüsse des Jahres 1846, wo zufällig wegen meiner Abwesenheit durch längere Zeit kein klinischer Besuch stattgefunden und von Seite des anwesenden Assistenten keine Sektionen gemacht wurden, das Puerperalfieber plötzlich auf die fürchter­lichste Weise auftauchte und ungeachtet aller Vorkehrungsmaßregeln im folgenden Jahre erst dann vollkommen erlosch, als die warme Jahreszeit weiter vorgeschritten war, wo doch die klinischen Untersuchungen von mir in gewöhnlicher Weise fortgesetzt wurden. Aus einer mir vorliegenden Tabelle, in welche alle in dei’ Anstalt Ent­bundenen und der Verlauf ihres Wochenbettes aufgenommen sind, und welche ich nur wegen ihres größeren Umfanges hier nicht beifüge, ergibt sich, daß von 102 Entbundenen 32 erkrankt und hiervon 27 gestorben sind, somit mehr als 26°/0 der Aufgenommenen als Opfer der Krankheit fielen. Es ge­nügt dies, um die vorgekommene Krankheit als eine der bösartigsten zu be­v. Waldheim, Ignaz Philipp Semmelweis. ^

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