Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)

1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien

82 zeichnen. Und diese perniziösen Formen entstanden offenbar ohne kadaveröse Infektion; sie traten so plötzlich bei drei Individuen, die rasch hintereinander nieder- kamen und auch sämtlich starben, auf, daß ein ungewöhnliches, gemeinschaftliches Kausalmoment, welches in den unveränderten Verhältnissen der Anstalt nicht gesucht werden konnte, supponiert werden mußte und welches man nicht leicht wo anders, als in atmosphärischen Verhältnissen zu suchen einen Grund finden könnte. Bemerkenswert waren während der Krankheitsherrschaft die gruppen­weisen Ausbrüche, so daß in der Kegel immer mehrere gleichzeitig erkrankten und hierauf wieder mehrere vollkommen gesund blieben. Immer gingen solchen Ausbrüchen auffallende Witterungsänderungen voran. Alle Vorkehrungen gegen eine Infektion, welche in einer kleinen Anstalt mit größerer Genauig­keit ausführbar sind als in einer großen, blieben, wie es schien, ziemlich er­folglos, bis im Monate Juli plötzlich bei unveränderten Verhältnissen der Anstalt der Gesundheitszustand der Wöchnerinnen wieder ein anhaltend be­friedigender wurde. Zahlreiche derartige Erfahrungen, welche uns die Geschichte des Puer­peralfiebers zur Genüge darbietet, lassen den Einfluß atmosphärischer Po­tenzen auf die hier in Kede stehenden Krankheitsausbrüche nicht verkennen und selbst die entschiedensten Kontagionisten mußten zugeben, daß das Kon- tagium ohne besondere Disposition des Individuums nicht einwirke und daß es auch Epidemien von Puerperalfiebern gebe. In Betreff dieser individuellen Disposition muß ich übrigens bemerken, daß mich meine Erfahrungen lehrten, daß es eben keine Individualität gibt, welche vor dieser Krankheit mit Sicher­heit schützt, was sich schon aus der Beobachtung vermuten läßt, daß bei besonderer Heftigkeit der Krankheitsherrschaft in bestimmten Fristen alle Entbundenen ergriffen wurden. Dies alles sind jedoch Tatsachen, welche die Möglichkeiten der prä- sumierten Infektion durch Leichenstofife dennoch nicht ausschließen, indem selbst die von mir wiederholt gemachte Beobachtung, daß man auch ohne besondere Vorsichtsmaßregeln nach vorgenommenen Leichenöffnungen Gebärende ohne Nachteil untersuchen kann, auch nur beweist, daß nicht unter allen Umständen Infektion eintritt. Die auffallendste Tatsache, welche seit Jahren zu einer Erklärung auf­forderte, war die große Differenz der Sterblichkeit auf den beiden neben­einander bestehenden Gebärkliniken im Wiener Krankenhause, und es ist keine Frage, daß, nachdem man nach allen Richtungen hin nach der Ursache forschte und immer keine befriedigende Aufklärung geboten ward, der Gedanke von Dr. Semmelweis, daß die Übertragung von Leichenstoffen bei der Exploration der Gebärenden die Ursache dieser Differenz sei, sehr annehmbar erschien und jedenfalls zu energischen Untersuchungen aufforderte. Es fragt sich nun, inwieweit haben die bisherigen Untersuchungen den Nachweis für die fragliche Annahme des Dr. Semmelweis geliefert? A priori läßt sich gegen die Entstehung des Puerperalfiebers durch Einwirkung faulender tierischer Stoffe auf die verwundeten Geschlechtsteile nichts Erhebliches erinnern und, es wurde diese Genese schon vielseitig in Anregung gebracht und verteidigt. In der Regel ist schon in der zweiten Geburtszeit der Muttermund in seinen äußersten Schichten durch seichte An­reißungen verletzt und somit jede Gebärende mehr oder weniger als eine Verletzte zu betrachten. Ebenso läßt sich nicht in Zweifel ziehen, daß viele Formen des Puerperalfiebers ganz den Charakter einer Eirankheit an sich tragen, welche aus der präsumierten Blutinfektion hervorgehen kann. Es ist

Next

/
Thumbnails
Contents