Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)
1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien
80 Krankheit zunächst aus der Übertragung von deletären animalen Stoffen auf die gebärenden Wöchnerinnen hervorgehe. Daß er sich diesfalls mit so großer Ausdauer, und wie es scheint, mit soviel Erfolg bemühte, kann ihm als großes Verdienst von niemand streitig gemacht werden. In meinen Referaten für die Canstatt’schen Jahresberichte von 1842, 1843, 1844 und 1845 habe ich in kurzen Auszügen die Ansichten mehrerer englichen Arzte über die Erzeugung des Puerperalfiebers durch die Einwirkung animalischer Zersetzungsstoffe mitgeteilt, insbesondere waren es Robei't Storrs, Condie, Olivier, Holmes, welche sehr weitläufige Mitteilungen über diesen Gegenstend machten, und in ähnlicher Weise wie jetzt Prof. Skoda die englischen und amerikanischen Ärzte aufforderten, der angeblichen Entstehungsweise des Puerperalfiebers ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die englischen Ärzte beschränkten sich übrigens nicht bloß auf die Annahme der unmittelbaren Übertragung von Leichenstoffen, sondern nahmen in gleicher Weise von anderen animalischen Zersetzungsstoffen eine gleiche Einwirkung an, und namentlich legten sie in dieser Beziehung auf die Gefährlichkeit der nekrotischen Produkte des gangränösen Erysipels großes Gewicht — eine Ansicht, die unbezweifelt von Semmelweis und Skoda geteilt wird. Einzelne Engländer gingen zugleich in dem präservativen Verfahren viel weiter als Dr. Semmelweis, indem sie nicht nur ihre Einger, sondern auch ihre Kleider für den Träger des Infektionsstoffes haltend, sich nicht nur mit Chlorwasser wuschen, sondern auch mit Chlor räucherten, oder die Kleider wechselten, oder endlich, wenn dies alles nichts half, ihre Praxis für eine Zeit verließen. Ich erlaube mir nur einzelne in meinen Berichten angeführte Tatsachen hier zu reproduzieren, welche für die Infektion durch Leichenstoffe sehr schlagend zu sprechen scheinen. So teilt Hardey zu Hull, der übrigens der Infektionstheorie nicht huldigt, das folgende, ihm bekannt gewordene bezügliche Ereignis mit: Drei Wundärzte, in derselben Stadt wohnend, machten die Sektion eines infolge von Incarceration des Darmes mit hinzutretendem Brande Verstorbenen. Alle drei hatten in den nächstfolgenden zwei Tagen tötlich verlaufende Puerperalfieber in Behandlung und fanden sich infolge einer zufälligen, wechselseitigen Besprechung veranlaßt, die Praxis für eine Zeit zu verlassen, worauf auch das Puerperalfieber nicht mehr zum Vorschein kam. — — Dr. C. machte die Sektion eines an Gangrän Verstorbenen, wobei er sich selbst verwundete; er besuchte die folgende Nacht eine Kreißende und dieselbe starb nach vier Tagen am Puerperalfieber. Hierauf war Dr. C. infolge jener Verwundung durch einige Zeit an das Haus gefesselt; nach seiner Genesung besuchte er neuerdings sechs Frauen, von welchen vier am Puerperalfieber starben. Kein anderer Arzt außer Dr. C. hatte in der Stadt und ihrer Umgebung Puerperalfieber zu behandeln; es kamen wohl Todesfälle bei Entbundenen vor, doch nicht infolge von Puerperalfiebern (??). Dr. Elkington in Birmingham behandelte am 28. August 1833 an der Grenze der Stadt ein Erysipel mittels Incisionen, und leistete hierauf bei Mrs. J. im Zentrum der Stadt, bei der Entbindung ärztliche Hilfe. Dieselbe erkrankte hierauf am 31. August und starb am 3. September. Von der Mrs. J. begab er sich zur Mrs. C., die eine schwere mit Blutung verbundene Entbindung hatte, schon an demselben Tage fieberte und am 4. September starb. — Am 3. September behandelte er Mrs. Edwards bei einer günstigen Entbindung; dieselbe erkrankte am 5. und starb am 9. September. Am 4. September machte er die Leichenöffnung von Mrs. C., wobei ihm sein Bruder