Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)

1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien

52 Untersuchung der Gebärenden übergingen, den einzig möglichen Weg der Über­tragung einer faulenden tierischen Substanz auf die Geburtsteile der Wöchnerinnen. Es war dies zugleich die einzige unter den möglichen Ursachen der Puer­peralkrankheiten, welche auf der Abteilung für Hebammen entweder gar nicht oder in höchst beschränktem Maße wirksam war, so daß sich unter Voraussetzung dieser Ursache die höchst ungleiche Zahl der Erkrankungen auf beiden Abteilungen sehr wohl begreifen ließ. Die Hebammen beschäftigen sich nämlich nicht mit Leichenuntersuchungen und die Assistenten der Ab­teilung für Hebammen fanden sich, weil sie bloß Hebammen zu unterrichten hatten, selten veranlaßt, die Leichenuntersuchungen selbst vorzunehmen. Auch die in den Monaten Dezember 1846, Januar, Februar und März 1847 beob­achtete Abnahme der Erkrankungen, sowie die im April und Mai eingetretene große Sterblichkeit stimmte vollkommen zu der Voraussetzung, daß die krank­machende Potenz aus der Sektionskammer stamme. Der Assistent der Gebärklinik hatte nämlich in den Monaten Dezember 1846, Januar, Februar und März 1847 aus Gründen, die hier nicht in Be­tracht kommen, die Sektionskammer selten besucht, die einheimischen Stu­dierenden, deren Zahl überdies von 42 auf 20 reduziert war, schienen sich nach dem Assistenten gerichtet zu haben. Die Ausländer waren von der Ge­bäranstalt fast ausgeschlossen. Ende März 1847 wurde Dr. Semmelweis Assistent und nahm, teils zum Selbstunterrichte, hauptsächlich jedoch zum Behufe der Unterweisung der Studierenden Untersuchungen und Übungen an Leichen mit ungewöhnlichem Eifer vor. Auch ohne ein solches Zusammentreffen von Umständen, welche die Hypothese bekräftigen, mußte Dr. Semmelweis auf Mittel denken, die mög­liche Ursache der Erkrankungen der Wöchnerinnen zu beseitigen. Diese waren nicht schwer zu finden. Indem Übungen und Unter­suchungen an Leichen in der Medizin unerläßlich sind, somit von dem Assi­stenten und den Schülern fortgesetzt werden mußten, so bestand die Auf­gabe darin, vor jeder Untersuchung der Gebärenden jedes kadaveröse Atom von den Händen wegzuschaffen. Zu diesem Zwecke traf Dr. Semmelweis gegen Ende Mai 1847 die Verfügung, daß jedermann vor jeder Untersuchung einer Schwangeren, Gebärenden oder Wöchnerin die Hände mit Chlorwasser waschen mußte. Auf diese Anordnung erkrankten die Wöchnerinnen auf der für die Studierenden bestimmten Abteilung plötzlich nicht zahlreicher als auf der Abteilung für Hebammen. Es starben von da an im Juni 6, im Juli 3, im August 5, im September 12, im Oktober 11, im November 11, im Dezember 1847 8 Wöchnerinnen. Das Jahr 1848 bot ein noch günstigeres Verhältnis. Es starben näm­lich von 3780 Entbundenen nur 45: also im Verhältnis wie 100:1-19; während auf der Abteilung für Hebammen von 3219 Entbundenen 43 starben, somit im Verhältnisse wie 100:1*33. Im Jahre 1849 starben bis Anfang September auf der Abteilung für Studierende 60, auf der Abteilung für Hebammen 76 Wöchnerinnen. Somit zeigt sich vom Juni 1847 bis gegenwärtig, also bereits durch einen Zeit­raum von mehr als zwei Jahren, innerhalb dessen die Chlorwaschungen in Gebrauch sind, fast keine Differenz in der Sterblichkeit auf beiden Ab­teilungen der Gebäranstalt, während früher durch einen Zeitraum von sieben Jahren die Sterblichkeit auf der Abteilung für Studierende dreimal so groß war, als auf der Abteilung für Hebammen.” Nun berichtete Skoda über seine schon erwähnten Bemühungen, die maß­gebenden Kreise auf Semmelweis’ wichtige Entdeckung aufmerksam zu machen.

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