Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)

1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien

53 „Eine gegründete Aussicht, die Sache recht bald ins Klare zu bringen, lag in dem Umstande, daß in der Prager Gebäranstalt die Erkrankungen von Zeit zu Zeit gleichfalls sehr zahlreich waren und allem Anschein nach die­selbe Ursache hatten als in Wien. Ich forderte also zur Einführung der Chlorwaschungen in der Prager Gebäranstalt auf. Bei den infolge dieser Aufforderung an der Prager Lehranstalt ge­pflogenen Verhandlungen behielt jedoch die Ansicht, daß die Puerperal­erkrankungen durch epidemische Einflüsse bedingt sind, die Oberhand und man scheint die Chlor Waschungen bisher entweder gar nicht oder nicht mit Ernst in Anwendung gebracht zu haben.’’ Skoda erzählte dann von Professor Michaelis’ Briefe und der ab­lehnenden Haltung des Professor Kiwisch, der offenbar auch in Wien (1848 und 1849) betont hatte, nicht selten unmittelbar nach Sektionen Gebärende untersucht, jedoch niemals einen Nachteil davon beobachtet zu haben, und teilte schließlich das Resultat der Tierversuche mit, welche Semmelweis mit Dr. Lautner angestellt hatte: Es wurde vier Kaninchenweibchen */4 Stunde bis 12 Stunden nach dem Wurfe ein mit mißfarbigem endometritischem Exsudate befeuchteter Pinsel in die Scheide und Uterushöhle ein oder mehrere Male eingeführt. Diese Tiere starben nach 11, 12, 31 und 32 Tagen. Einem anderen Weibchen wurde Abszeßeiter eines an Cholera verstorbenen Irren in den Uterus eingespritzt, es starb nach 11 Tagen; einem anderen wurde Peritoneal­exsudat von einem Manne eingespritzt, es starb nach 12 Tagen. Die Ein­bringung von mit Wasser verdünntem Blut aus der Leiche eines vor 36 Stunden an Marasmus verstorbenen Mannes, von tuberkulösem Peritoneal­exsudat und pleuritischem Exsudat hatte jedoch bei drei Weibchen keine üblen Folgen. Typhöses Peritonealexsudat blieb einmal ohne Wirkung, während es das zweite Mal den Tod des Kaninchens herbeiführte. Uber die Sektions­ergebnisse sagte Skoda zum Schlüsse folgendes: „Es ist kaum nötig, zu erwähnen, daß die in den Leichen der Kaninchen Vorgefundenen Veränderungen dieselben sind, wie sie sich in menschlichen Leichen infolge von Puerperalkrankheiten und im allgemeinen infolge von Pyämie einstellen. Man könnte gegen die eben angeführten Versuche den Einwurf machen, daß dabei eine größere Quantität von faulenden Stoffen einwirke und daß diese faulende Substanz in acht Fällen viele Tage nacheinander und nur in einem Palle bloß einmal mit den Geburtsteilen des Tieres in Berührung ge­bracht wurde, wogegen die Quantität des an den Händen klebenden faulen­den Stoffes, wenn die Hände — was immer geschehen ist — nach der Leichenuntersuchung mit Wasser abgewaschen wurden, nur sehr klein ge­dacht werden kann. Diese Einwendung scheint mir jedoch von keinem besonderen Gewichte zu sein, indem die Einwirkung des faulenden Stoffes auf das Blut nach den Erfahrungen, welche über die Folgen der Verwundungen bei Sektionen vor­liegen, von der Quantität des faulenden Stoffes nicht abhängen kann, da die Infektion nicht selten durch wunde Stellen erfolgt, die wegen ihrer Klein­heit kaum sichtbar sind. Es scheint übrigens zur Beseitigung jeden Zweifels zweckmäßig, daß noch weitere und vielfältig abgeänderte Versuche an Tieren gemacht werden.” Diese klare, logische Auseinandersetzung wies leider eine große Lücke auf: sie gedachte nicht der Ursachen der kleinen Endemien vom

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