Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)

1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien

51 Aus diesen Tatsachen ließ sich der Schluß ziehen, daß die Pyämie der Puerperen sich in der Regel aus der Endometritis und Phlebitis uterina ent­wickle. Es handelte sich somit zunächst um die Ursachen der Endometritis und Phlebitis uterina. Durch die bei der Entbindung stattfindende Zerreißung der Venen, Ent­blößung einer großen Fläche der Höhle des Uterus, Zerrung und sonstige Verletzung der Geburtsteile schien die Entstehung der Endometritis und Phlebitis uterina ganz ungezwungen erklärt werden zu können. Einer solchen Erklärung widersprach jedoch die höchst ungleiche Zahl der Erkrankungen auf beiden Abteilungen der Gebäranstalt. Bei den ohne operatives Verfahren stattfindenden Geburten mußten nämlich die Folgen auf beiden Abteilungen dieselben sein. Da nun die meisten Entbindungen ohne operatives Eingreifen vor sich gehen, so konnte eine geringere Geschicklichkeit im operativen Ver­fahren zwar eine geringe, nicht aber die angegebene enorme Differenz in der Zahl der Erkrankungen bedingen. 4. Nicht selten tritt bei den Wöchnerinnen als das erste krankhafte Phänomen ein heftiges Fieber auf und erst nach einiger Dauer des fieber­haften Zustandes kommen die Symptome der Endometritis, Phlebitis uterina, Peritoneitis usw. zum Vorschein. In solchen Fällen sind die Exsudate zuweilen gleich ursprünglich eitrig oder jauchig, die exsudierenden Gewebe erweicht, so daß der Krankheitsprozeß sich gleich vom Anfang an als Pyämie darstellt. Man ist gewohnt, eine eigentümliche Beschaffenheit der Säfte der Wöchnerinnen als die prädisponierende, und eine der gewöhnlichen Schäd­lichkeiten, z. B. Erkältung, Gemütsbewegung etc. als die exzitierende Ursache solcher Erkrankungen anzusehen. Einer solchen Annahme widersprach aber­mals die höchst ungleiche Zahl der Erkrankungen auf beiden Abteilungen. 5. Die Pyämie ohne vorhergehende Eiterung oder eine der Eiterung- analoge Metamorphose in einem Organe entsteht der Erfahrung gemäß durch Einwirkung von faulenden tierischen Substanzen auf das Blut. Ob sie noch durch andere Ursachen hervorgebracht werde, ist unbekannt. Die faulende Substanz wirkt auf das Blut in der Regel nur durch von der Oberhaut ent­blößte, also wunde Stellen ein. Nach der Entbindung bietet die Höhle des Uterus eine große Wundfläche dar, am Muttermunde, in der Vagina sind Risse und Abschürfungen. Fäulnis in dem Sekrete des Uterus müßte somit nicht selten die Einwirkung der faulenden Substanz auf das Blut und daher Pyämie zur Folge haben. Die Entstehung der Fäulnis des Uterinal- und Vaginalsekretes als durch die gewöhnlichen Einflüsse oder durch eine besondere Beschaffenheit der Säfte der Wöchnerinnen bedingt anzunehmen und daraus die Erkrankungen der Wöchnerinnen abzuleiten, ließ die schon oft erwähnte ungleiche Zahl der Erkrankungen auf den beiden Abteilungen nicht zu. Überdies stellte sich das heftige Fieber und dann die Phlebitis uterina, Endometritis etc. zuweilen ein, ohne daß der Lochialfluß einen üblen Geruch bekam. Es mußte somit die Frage aufgeworfen werden, ob auf irgend eine Art faulende oder fäulniserregende Substanzen mit den Geburtsteilen der Wöch­nerinnen in Berührung kommen konnten. Nachdem Dr. Semmelweis als Assistent an der für Ärzte bestimmten Abteilung der Gebäranstalt durch einige Monate alle Verhältnisse in Erwägung zog, erkannte er in dem Um­stande, daß sowohl er als die Studierenden sich häufig mit Leichenunter­suchungen beschäftigten, daß der kadaveröse Geruch von den Händen trotz mehrmaligen Waschens erst nach langer Zeit verschwindet und daß er und die Schüler nicht selten unmittelbar von der Untersuchung des Kadavers zur 4*

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