Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)

1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien

37 die ichorösen Geschwüre mit der Vaginalexploration der anderen Gebärenden als mit der Exploration der Patientin selbst gestanden haben möchten. Hinzufügen kann ich, daß wir im hiesigen Gebärhause häufig genug chronisch ichoröse Eußgeschwüre bei Gebärenden angetroffen haben, ohne irgend eine infizierende Wirkung davon bemerkt zu haben, weder auf die Patientinnen selbst, noch auf andere Wöchnerinnen. Und wenn Dr. Semmel­weis großes Gewicht auf den seiner Meinung nach viel günstigeren Gesund­heitszustand der Gebäranstalten legt, die ausschließlich für den Hebammen­unterricht bestimmt sind, so möchte er doch bedenken, daß ichoröse Sekrete lebender Organismen in gleichem Maße in beiderlei Anstalten Vorkommen, und daß, wenn die Infektion so leicht geschähe, wie er es anzunehmen scheint, sich in einer so großen Anstalt wie die Hebammenabteilung in Wien sehr oft, wenn nicht zu jeder Zeit, eine oder andere Kranke finden müßte, die als Infektionsquelle hinreichen würde, um den übrigens sehr merklichen Unterschied der sanitären Verhältnisse beider Abteilungen der Wiener An­stalt zu verringern oder ganz auszugleichen.” In dieser langatmigen, zum Teil schwülstigen Auseinandersetzung die einzige richtige Bemerkung war jene über die allzu flüchtige Skizzierung der zwei Fälle vom Oktober und November 1847, welche kleine Endemien zur Folge hatten. Alles andere atmete die unver­kennbare, unendliche Überlegenheit des Kritikers über den Kritisierten. Hier der Professor, die längere Erfahrung, dort ein jugendlich unge­stümer Assistent — es konnte kein Zweifel herrschen, wer es besser verstünde und wer Fehler über Fehler machte. Am geistreichsten war wohl der Vorwurf, Semmelweis hätte feststellen sollen, welche Formen von Puerperalfieber durch das Gift von Puerperalleichen, welch andere Formen durch das Gift anderer Leichen erregt würden. Und Absatz IV! Der günstige Gesundheitszustand seit den Chlorwaschungen, hervor­gerufen durch das „periodische Fallen der Kränklichkeit”! Das erinnert an unsere heutigen Diphtherie-Epidemien, deren Heftigkeit, wie besonders schlaue Köpfe herausgebracht haben, ungefähr seit Einführung der Behring’schen Serumtherapie, aber ganz unab­hängig von dieser, beträchtlich abgenommen haben soll! Man sieht,, alles, alles schon dagewesen! Dozent Dr. Zipfl, der mit Semmelweis im allgemeinen Kranken­hause zusammentraf, gratulierte diesem zu seinem Erfolge und ver­sicherte, die Sache habe ihm gleichfalls dunkel vorgeschwebt, aber die Fakta seien auf der Hebammenklinik nicht so schlagend gewesen; auf der Ärzteklinik wäre er bestimmt zu derselben Überzeugung ge­kommen. Semmelweis erwiderte, nun sei es klar, weshalb die Sterblich­keit auf der Hebammenklinik während Zipfl’s Assistenzzeit so groß gewesen sei: er habe so oft seziert! Zipfl gab dies zu, und als Semmelweis fragte, ob er diesen weiteren Beleg für seine Lehre in der Öffentlichkeit anführen dürfe, bejahte Zipfl ohne weiteres und fügte die treffende Bemerkung hinzu, es sei ja keine Schande, ein Verehrer der pathologischen Anatomie zu sein.*) *) Ätiologie, p. 438.

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