Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)
1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien
38 Im April 1848 erneuerte Hebra seine Propaganda für des Freundes Entdeckung durch einen zweiten Artikel,*) der gleichfalls in den Mitteilungen der k. k. Gesellschaft der Ärzte in Wien erschien. Fortsetzung der Erfahrungen über die Ätiologie der in Gebäranstalten epidemischen Puerperalfieber. Im Dezemberhefte 1847 dieses Journales wurde von Seite der Redaktion desselben die höchst wichtige Erfahrung veröffentlicht, die Herr Dr. Semmelweis, Assistent an der I. geburtshilflichen Klinik, in Hinsicht auf die Ätiologie des in Gebärhäusern epidemischen Puerperalfiebers gemacht hat. Diese Erfahrung besteht nämlich (wie es den Lesern unserer Zeitschrift noch erinnerlich sein wird) darin, daß Wöchnerinnen hauptsächlich dann erkrankten, wenn sie von Ärzten, die ihre Hände durch Untersuchungen an Leichen verunreinigt und nur auf gewöhnliche Weise gewaschen hatten, untersucht (touchiert) wurden; während entweder keine oder nur sehr geringe Erkrankungsfälle stattfanden, wenn der Untersuchende seine Hände früher in einer wässerigen Chlorkalklösung gewaschen hatte. Diese so höchst wichtige, der Jenner’schen Kuhpockenimpfung würdig an die Seite zu stellende Entdeckung hat nicht nur seither im hiesigen Gebärhause ihre vollständige Bestätigung erhalten,**) sondern es haben sich auch aus dem fernen Auslande beifällige Stimmen erhoben, welche die Richtigkeit der Semmelweis’schen Theorie beglaubigen. Eingelangte Briefe, und zwar aus Kiel von Michaelis, und aus Amsterdam von Tilanus sind es, welchen ich diese bestätigenden Mitteilungen entnehme. Um jedoch dieser Entdeckung ihre volle Giltigkeit zu gewinnen, werden hiermit alle Vorsteher geburtshilflicher Anstalten freundlichst ersucht, Versuche anzustellen und die bestätigenden oder widerlegenden Resultate an die Redaktion dieser Zeitschrift einzusenden.” Hebra erschien die neue Lehre durch den rapiden Rückgang des Puerperalfiebers auf der I. geburtshilflichen Klinik während der letzten 10 Monate, während welcher die Chlorwaschungen geübt wurden, vollständig bestätigt. In einem Jahre starben nun nicht mehr, als früher oft in einem Monat! Und im ganzen März 1848, im April nicht ein einziger Todesfall, nicht einmal eine Erkrankung an Puerperalfieber! Wahrlich, das war eine segensreiche Entdeckung, Jenner’s Kuhpockenimpfung vergleichbar! Hebra ist der Erste, der diesen Vergleich zieht. Nochmals fordert er die Vorsteher geburtshilflicher Anstalten auf, *) Ätiologie, p. 279. **) Indem im Monat Dezember 1847 auf 273 Geburten 8, im Jänner 1848 auf 283 Geburten 10, im Monat Februar auf 291 Geburten 2 Todesfälle kamen und im Monat März keine Wöchnerin starb, so wie sich auch gegenwärtig keine einzige Puerperalkranke im Gebär-hause befindet. Während der 10 Monate, wo das Waschen mit Chlorkalk vor jeder Untersuchung vorgenommen wird, sind demnach von 2670 Entbundenen bloß 67 gestorben, eine Zahl, die früher öfter-in einem Monat überstiegen wurde.