Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)

1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien

36 als einem Jahre so weit gegangen, daß vorschriftsweise keiner der Ärzte, Hebammen oder Wärterinnen der Anstalt mit einer obduzierten Puerperal­leiche in nähere Berührung kommt; und ohne zu wissen, welchen Anteil dieses Präkautionsmittel unter mehreren anderen an dem verbesserten Ge­sundheitszustand der Anstalt gehabt haben mag, bin ich der Meinung, daß es fortgesetzt werden mag, so daß wir in Obduktionsfällen auf den wohl­wollenden Beistand auswärtiger Kollegen rechnen müssen. IV. Jedoch — wird man sagen — scheinen die Resultate des Ver­suches, trotz aller Bedenklichkeiten dagegen, die Ansicht des Dr. Semmel­weis zu bestätigen. „Scheinen”, bleibt die Antwort, aber auch nicht mehr; jeder nämlich, der durch eine längere Reihe von Jahren dazu Gelegenheit gehabt hat, das periodische Steigen und Pallen der Kränklichkeit in Gebär­anstalten zu beobachten, wird ohne Zweifel eingestehen müssen, daß uns zur Würdigung der gewonnenen Resultate wesentlich darüber Aufschluß mangelt, ob nicht auch in früheren Jahren die Anstalt ebenso günstige Perioden ge­habt hat, als in den letzten 7 Monaten, wozu eine genaue statistische Mit­teilung über die monatlichen Krankheits- und Todesfälle erforderlich wäre. Dieser Mangel bleibt um so fühlbarer, wenn man sich erinnert, daß vor un­gefähr 3 Jahren der Professor Klein in den medizinischen Jahrbüchern der k. k. österreichischen Staaten, Jänner 1845, einen offiziellen Bericht über die Wirksamkeit der Gebärklinik in den 7 Jahren (1836 bis 1843) geliefert hat, wonach das Sterbeverhältnis 1:15, wenn auch traurig genug, doch über 100% besser sich stellt, als das Sterbeverhältnis, womit die Resultate der Chlorwaschungsperiode am nächsten verglichen worden sind. Möglich, ja so­gar wahrscheinlich ist es, daß dieser Unterschied weniger von einem konstant besseren Gesundheitszustand, als von einzelnen besonders günstigen Perioden herrührt, aber eben deshalb wäre es, beim Mangel genauer statistischer Mit­teilungen denkbar, daß auch die Resultate der letzten 7 Monate, zum Teil wenigstens, von periodischen Zufälligkeiten abhängen könnten, zum Teil viel­leicht von der eben durch das Experiment hervorgerufenen strengeren Berück­sichtigung der Reinlichkeit im allgemeinen. V. Wenn die Resultate des Experimentes für eine Zeit, wie im Sep­tember und Oktober, weniger den Erwartungen entsprochen haben, meint Dr. Semmelweis die Ursache davon nachweisen zu können, teils in Vernach­lässigung der Chlorwaschungen seitens der Studierenden, teils in Infektion der Gebärenden durch ichoröse Geschwürsekrete aus noch lebenden Orga­nismen, in einem Palle nämlich von einer mit Markschwamm der Gebär­mutter, in einem anderen Falle von einer mit unreinem Geschwüre des Schienbeines behafteten Wöchnerin; so daß hierdurch seine ursprüngliche Ansicht nicht bloß eine Bestätigung, sondern einen unendlich weiten Gesichts­kreis gewonnen hat, indem allerlei ichoröse Sekrete noch lebender Orga­nismen darunter einzurechnen sein werden. Leugnen läßt sichs aber nicht, daß die in dieser Hinsicht zitierten Erfahrungen allzu flüchtig skizziert sind, als daß die Kritik einen Schluß aus ihnen gestatten könnte. Namentlich müßte es von Wichtigkeit sein, zu wissen, ob die Wöchnerinnen mit Mark­schwamm der Gebärmutter, den ichorösen Geschwüren des Schienbeines zur selben Zeit am Puerperalfieber erkrankt waren, da in solchem Palle die Puerperalkontagionisten das spezifische Kontagium der präsumierten ichorösen Infektion entgegenstellen würden. Im entgegengesetzten Palle würde die erst­genannte Patientin der Infektionsansicht offenbar sehr zuwider sein, während es, die zweite betreffend, unerklärlich bieibt, in welchem näheren Verhältnisse

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