Inventare Teil 5. Band 7. Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs (1938)

Belgien, von Oskar Schmid

104 Belgien. archivalischen Ordnungsarbeiten in der Chambre des comptes und wurde in seinem Ansuchen von seinem Onkel, dem Rat Wynants, unterstützt. Damals beschäftigte man sich auch ernstlicher mit der Absicht, ein allgemeines Zentralarchiv für die österreichischen Niederlande zu schaffen, ein Gedanke, der, wenn auch nicht der Initiative Maria Theresias entsprun­gen, doch ihr lebhaftes Interesse hervorrief.1 Zweifellos stand die Betrau­ung des älteren Grafen Wynants mit einer provisorischen Kommission in Beziehung zu der Absicht, das Archivwesen zu organisieren, zunächst eine zentrale niederländische Archivstelle zu schaffen und die Generalordnung allmählich in die Wege zu leiten. Dieser Gedanke sollte allerdings in der ursprünglich beabsichtigten Form niemals zur Ausführung gelangen und ohne daß Goswin Wynants die ihm zugedachte Organisationsarbeit hätte nennenswert fördern können, starb er im Herbst des Jahres 1762. Die organisatorische Tätigkeit wurde vielmehr unter Leitung des Neffen Jean-Baptist Wynants* 1 2 in ganz andere Bahnen gelenkt, in die nämlich, das habsburgische Hausarchiv durch Ab­schriften der in Brüssel verwahrten Korrespondenz Karls V. und seiner niederländischen Statthalterinnen zu bereichern. Auf Befehl Kaiser Josephs II. ließ der Graf Jean-Baptist Wynants, Garde-chartes du Brabant, eine Reihe der am interessantesten erscheinen­den Stücke der belgischen Korrespondenz kopieren.3 Diese Abschriften, die 97 Faszikel umfaßten, wurden in Brüssel hergestellt und partienweise nach Wien gebracht. Der Vorgang dürfte sich folgendermaßen abgespielt haben. Wynants unterzog die Bestände einer Durchsicht, die nicht zu kopierenden wurden von seiner Hand mit dem Vermerk versehen „non ä copier, non ä envoyer (non envoyé)“, diejenigen Stücke jedoch, die zum Abschreiben geeignet erschienen, erhielten von Wynants, wenn es sich als nötig erwies, ein kurzes Kopfregest, und zwar setzte er auf die Originalvorlage die Über­finances damals schon seit einiger Zeit der Offizial Eugen de Beelen beschäftigte (vgl. Bericht vom 12. Sept. 1753); am 11. Okt. 1755 wurde das Generalgouvernement durch eine Depesche der Kaiserin beauftragt, Beelen provisorisch mit der Fortsetzung dieser Arbeit zu betrauen und ihm auch die Anfertigung von Inventaren nahezulegen (vgl. die Depeschen vom 11. Okt. 1755 und 8. Mai 1756). 1 Die Absicht, in Brüssel ein Zentralarchiv zu schaffen, reicht weit zurück. Schon zur Zeit Philipps IV,- von Spanien war man bestrebt gewesen, im Brüsseler Palast ein Zentralarchivdepot zu errichten, wo die niederländischen Staatsakten methodisch eingeteilt und inventarisiert werden sollten, doch scheint einer diesbezüglichen Instruktion des Königs an den Kardinalinfanten vom 9. Okt. 1632 keine Folge gegeben worden zu sein. Vgl. Marneffe, a. a. 0. S. 9. 2 Depesche vom 16. Dez. 1762. Vgl. auch das Gesuch des Grafen J. B. Wynants an den Kaiser vom 27. Mai 1793 (Belgien Rep. DD, Abt. B, Fasz. 196, fol. 39—41), in welchem er berichtet, daß sich die Archivalien bei Beginn seiner Tätigkeit in großer Unordnung befunden hätten, so daß er sie erst in mühevoller Arbeit sortieren und aufstellen mußte. 3 Gesuch des Grafen Wynants an den Kaiser vom 27. Mai 1793 (Belgien DD, Abt. B, Fasz. 196, fol. 39—41). Danach erhielt Wynants bald nach 1770 von Joseph II. den Auftrag: „ ... de faire des copies et des extraits de tout ce qui comjernoit la partié historique et politique du regne de l’Empereur Charles-Quint.“ Dieses verdienstvolle Unternehmen war im Jahre 1793 noch nicht abgeschlossen. Vgl. auch Laenen, a. a. 0. S. 3. Joseph II. dachte also nicht daran, die belgischen Archive nach Wien bringen zu lassen, er wollte sie vielmehr ungeschmälert in Brüssel aufbewahrt wissen.

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