Inventare Teil 5. Band 7. Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs (1938)
Belgien, von Oskar Schmid
100 Belgien. Amt provinzieller Garde-chartes — in Brabant z. B. scheint es der Kanzler von Brabant ausgeübt zu haben — dürfte schon ehedem vorhanden gewesen sein. Zunächst freilich vereinigte man dieses Amt für das Conseil d’état und das Conseil des finances in einer Person.1 In der Regel war es, wie erwähnt, vermutlich der Audiencier, dem die Verwahrung der Akten der Zentralstellen, des Conseil d’état und auch des Conseil privé oblag.1 2 Diese Gepflogenheit überdauerte auch noch den Übergang von der spanischen zur österreichischen Regierung, trotzdem man sich damals mit der Absicht trug, das Amt des Audienciers eingehen zu lassen. Ungeachtet einiger Widerstände wurde das Amt jedoch beibehalten und Gaston Cuve- lier übertragen, der gleichzeitig das eines „tresorier et garde des chartres et lettraiges de Sa Majesté“ durch ein Patent vom 30. April 1718 (Wien) erhielt.3 Als die deutsche Linie des Hauses Habsburg von den Niederlanden Besitz ergriff, war das, was man ein Archiv des Generalgouvernements nennen konnte, schon vorhanden.4 5 Im Namurer Tor (la fausse porté de Namur) in Brüssel hatten die Archive des Conseil privé und des Conseil d’état unter der Obhut des Audienciers zunächst Aufnahme gefunden,3 1708 stand diese Stätte jedenfalls schon zu Archivzwecken in Verwendung.3 Die komplizierten Verhältnisse in den niederländischen Provinzen ließen schon wenige Jahrzehnte nach der Besitzergreifung durch die Österreicher das Bedürfnis geltend werden, dem Archivwesen und der Reperto- risierung der Bestände eine erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Am 19. Aug. 1739 beauftragte Karl VI. seine Schwester, die Statthalterin Erzherzogin Marie Elisabeth, die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um möglichst bald beglaubigte Abschriften der Register aller niederländischen Archive zur Verfügung stellen zu können, da es im Interesse des königlichen Dienstes liege, bald eine vollständige Kenntnis aller Urkunden und Dokumente (de tous les documens et lettrages) zu besitzen.6 Über die Wirkung dieses Auftrages, der im gleichen Monat noch an das Conseil privé und Conseil des finances weitergeleitet wurde, wissen wir nichts. Er scheint wirkungslos geblieben zu sein. Als im Jahre 1744 das Amt des Audienciers aufgehoben wurde, gelangten die bisher unter seiner Obhut stehenden Archivalien in zwei Turmgemächer des Gebäudes der Chambre des comptes.7 1 Vgl. Marneffe, a. a. 0. S. 6. 8 Vgl. weiter unten. 8 Vgl. Marneffe, a. a. 0. S. 7. 4 Um Wiederholungen vorzubeugen, wurden in diese Darstellung der äußeren Archivgeschichte auch die Registraturen der österreichischen Behörden bis 1794 (unten IV) einbezogen. 5 Vgl. auch die Depesche Maria Theresias vom 16. Juli 1754 (Belgien Depeschen, Fasz. 39). 6 Vgl. Belgien Depeschen, Fasz. 17. 7 Vgl. die Einleitung zum Bande ad 25 der Reihe der Indizes, Protokolle, Verzeichnisse usw. „Inventaire des Archives du Conseil d’état et de 1’Audience .. wo es heißt, daß gemäß einer Hofverordnung die Archivalien von der „Fausse Porte de Namur“ in den Turm der Chambre des comptes gebracht wurden. Das Hotel de la Chambre des comptes, das mit einem Turm versehen war, lag dort, wo die rue de la Regence auf die Place royale mündet. Über Band ad 25 vgl. S. 101 f.