Inventare Teil 5. Band 6. Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs (1938)
Die Handschriftenabteilung von Fritz Antonius
144 Die Handschriftenabteilung. Brachte das Jahr 1806 dann auch bereits den Beginn der Auslieferungsverhandlungen für einzelne Teile der kaum erworbenen venezianischen, tirolischen und vorderösterreichischen Archivalien, so wurde dieser Ausfall an Manuskripten nahezu wettgemacht durch die gleichzeitig erfolgte Einziehung der Archive des Fürsterzbistums Salzburg, aus denen rund 150 Bände ins StA. gelangten, darunter die berühmten ältesten Traditionscodices von Salzburg. Aber auch aus Wien kam in dieser Zeit bedeutender Zuwachs durch die Übernahme der alten Registratur der Reichskanzlei, von der jener Teil, der „die Reichsurkunden und die Staatssachen in sich begriff“, an das StA. abgegeben wurde.1 Wir können zwar vorläufig nicht genau angeben, wie viele von den rund 100 Bänden dieser Provenienz, die unsere Sammlung heute aufzuweisen hat, tatsächlich schon damals ins Archiv gelangten und wie viele später erst auf Umwegen hereinkamen. Sicher ist jedoch, daß in die zu jener Zeit gerade einsetzende Bearbeitung der Handschriften, von der gleich zu berichten sein wird, ein großer Teil der „Reichsmanu- skripta“ bereits einbezogen erscheint. Ehe wir uns der Darstellung dieser von Hormayr veranlaßten Neuordnung oder vielmehr ersten Ordnung der Manuskripte des StA. in den Jahren 1806 bis 1812 zuwenden, müssen wir jedoch, um uns den Handschriftenbestand in der Geburtsstunde der Handschriften s a m m 1 u n g als solcher wirklich in seinem ganzen Umfang zu vergegenwärtigen, noch eines großen Verlustes und einiger Neuerwerbungen gedenken. Es war im vorstehenden schon wiederholt die Rede von der Plünderung des Archivs durch die Franzosen im Jahre 1809. Über dieses Ereignis berichtet nun Hormayr in einem Schreiben an den Archivar Knechtl, der mit dem geflüchteten Hauptteil des Archivs bereits in Temesvár weilte: es hätten schon nach der Verlautbarung des Friedens (14. Okt. 1809) der französische Minister Bacher, der Münchner Oberbibliothekar Baron Christoph Aretin und des ersteren Gehilfen mit militärischer Gewalt das rückwärtige Archivgewölb im ersten Stock größtenteils und das Manuskriptenzimmer, dann die Reichskanzleiregistratur ganz ausgeplündert.2 Darüber, was den Franzosen damals alles in die Hände fiel, sind wir ziemlich genau unterrichtet durch die Rücklieferungsverzeichnisse von 1815, bzw. 1819, auch im Geschäftsstück der Registratur des StA. Z. 1/1814 erliegt ein „summarisches Verzeichnis“ der von den Franzosen aus dem StA. „weggenommenen Akten und Manuskripte“. Uns interessieren hier natürlich nur die letzteren. Da finden wir zunächst in dem Verzeichnis von 1814 angeführt drei venezianische und drei tirolische Handschriften, und zwar letztere ein Manuskript des Tiroler Geschichtsschreibers Guilliman (Böhm 6), einen der 1751 von Rosenthal aus Innsbruck gebrachten Bände des dortigen Schatzarchivs (Böhm 138) und „einige tirolische Diplomatarien“ sowie endlich ein Manuskript des Freiherrn von Bartenstein, auf das wir später noch zurückkommen werden. 1 Heg. des StA. Z. 13/1807, 1/1814, Note des ehemaligen Reichsreferendars Peter Anton Freiherrn v. Franck über das Reichsarchiv. 8 Vgl. Bd. 1 S. 21*.