Inventare Teil 5. Band 6. Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs (1938)

Die Handschriftenabteilung von Fritz Antonius

I. Geschichte der Sammlung. 143 die Handschriftensammlung eingereiht wurden. Zunächst freilich konnten die Kisten in Wien kaum ausgepackt werden, sondern mußten alsbald vor dem anrückenden Feind nach Temesvár gerettet werden. Nach ihrer Rück­kehr nach Wien mußte ein Teil der Archivalien an Frankreich ausgeliefert werden und der verbliebene Restbestand wurde 1809 bei der Plünderung der Archivräume durch die Franzosen neuerlich dezimiert. Später gelang­ten diese ausgelieferten und entführten Archivalien allerdings zum größten Teil wieder nach Wien zurück und wurden nun, wenn auch räumlich ge­trennt, als „venezianisches Archiv“ aufgestellt, doch, soweit es sich um Bände handelte, in das Handschriftenrepertorium aufgenommen, also der Manuskriptensammlung angegliedert. Die Zahl dieser Bände und Hefte betrug gegen 200, wovon allerdings die große Chronik des Marino Sanudo allein 59 Bände ausmachte. Von Venedig reiste Gassier nach Trient und Br ixen, um auch die Archive dieser Bistümer in gleicher Weise zu bearbeiten, wie er es in Vene­dig getan hatte. Gegen 30 Trienter und etwa ebensoviele Brixner Codices wuchsen dem Archiv als Frucht dieser Gasslerschen Tätigkeit zu, darunter hochinteresante Bände, wie das berühmte Kalendarium Wintheri und die Bozener Imbreviaturbücher. Sowohl Umfang als Bedeutung dieser Erwerbungen wurden jedoch bei weitem übertroffen durch die Schätze, die Gassier von seiner letzten Arbeitsstafion, Innsbruck, nach Wien brachte. Nach seinen Instruk­tionen hatte er dort nicht nur die vorderösterreichischen und Schweizer Archivalien zu erheben, sondern es sollten auch zur „Erfüllung der bei der Hierhertransportierung des ober- und vorderösterreichischen Archivs durch den von Rosenthal übrig gelassenen Lücken die Original-Aufzeichnungs­bücher Herzogs Meinhard und die unter seinen Söhnen und noch während der österreichischen Herrschung fortgeführten sogenannten Registraturen im Hausarchiv deponiert werden“. Es war also ein beträchtlicher Teil der Codices des Schatzarchivs Innsbruck1 und seiner Fortsetzungen, der Archive der tirolischen im engeren Sinn und der ober-, bzw. vorderösterreichischen Landesbehörden, die nun hereingebracht wurden. Im ganzen waren es an Schatzarchivschriften rund 130 Bände, von denen ein Teil jedoch schon 1808 an Bayern abgegeben werden mußte.2 An späteren tirolischen, an vorderösterreichischen und Schweizer Manu­skripten brachte Gassier insgesamt ebenfalls gegen 130 Bände mit, von denen die überwiegende Mehrzahl, wie wir sehen werden, noch heute der Sammlung angehört. Im ganzen betrug also der Zuwachs an Innsbrucker Manuskripten, wenigstens für den Moment, rund 260 Bände. Rechnet man noch die 200 aus Venedig und die rund 60 aus Trient und Brixen hinzu, so ergibt sich also als Frucht der Gasslerschen Archivreisen für die Hand­schriftensammlung die immerhin stattliche Reihe von rund 520 Bänden, d. h. die Anzahl der Manuskripte des StA., die sich noch um 1800 auf zirka 450 Bände belief, hatte sich innerhalb dieser wenigen Jahre mehr als ver­doppelt, 1 Vgl. oben S. 63. Verzeichnis Reg. des StA. Z. 19/1837.

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