Inventare Teil 5. Band 6. Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs (1938)

Die Handschriftenabteilung von Fritz Antonius

142 Die Handschriftenabteilung. verschwindend kleinen Bruchteil des tatsächlichen Manuskriptenbestandes, der sich damals bereits auf etwa 550 Bände belaufen haben mag! Und trotzdem spielten diese ominösen 32 Codices später in allen Darstellungen der Entwicklung des Archivs als angeblicher Grundstock der Handschrif­tensammlung eine sehr bedeutende Rolle.1 Hatten, wenigstens was den Manuskriptenschatz betrifft, die letzten anderthalb Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts keinen nennenswerten Zu­wachs mehr gebracht, so standen dem Archiv und mit ihm auch seinem Handschriftenbestand mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts gewaltige Um­wälzungen, Vermehrungen, aber auch Verluste bevor. Es waren, um diese Vorgänge zunächst nur mit wenigen Worten anzu­deuten, die Einlieferungen von Archivalien aus Venedig, Trient, Br ixen und Innsbruck im Jahre 1805,2 die den Umfang des Archivs beträchtlich hatten anschwellen lassen, dann folgten 1806 die Salzbur­ger und Berchtesgadner Bestände, 1807 die der Reichskanzlei sowie die ersten Codices aus der Registratur des niederländischen Departements der Staatskanzlei. Freilich mußte ein guter Teil dieser Archivalien auf Grund der Friedensschlüsse von 1805 und 1809 wieder abgegeben werden und kam erst spät — aus Bayern im Jahre 1837 — oder gar nicht mehr ins StA. zurück. Auch die Plünderung der 1809 in Wien verbliebenen, nicht geflüchteten Bestände durch die Franzosen brachte ge­rade an den Manuskripten große Verluste, die durch die Rücklieferungen der Jahre 1815 und 1819 nur zum Teil wieder gutgemacht wurden. Es ist klar, daß diese beiden bewegtesten Jahrzehnte in der Geschichte des Archivs auch im Handschriftenbestand desselben ihre deutlichen Spuren hinterlassen, ja dessen Struktur grundlegend ändern mußten. Haben die Zuwächse dieser Jahre, trotz der dazwischen immer wieder eingetretenen Verluste, die Anzahl der Codices doch schließlich fast genau verdoppelt. Die erste der großen Einlieferungen dieser Jahre kam 1805 aus Vene­dig. Dort war der Hausarchivar Franz Seb. Gassier schon seit dem Jahr 1803 tätig gewesen, um aus dem Archiv der Republik und aus der Markus­bibliothek das für die Zwecke des StA. brauchbare Material auszuwählen.3 Er teilte seiner Instruktion zufolge die unendliche Masse des Vorhandenen in 7 Abteilungen: 1. Urkunden, 2. Urkundensammlungen in Abschriften, 3. Gesandtschaftsarchive, 4. Bücherreihen vermischten und statistischen Inhalts, 5. Republikanische Verfassung und Gesetzgebung, 6. Geschichte und Chroniken von Venedig, 7. Einzelne Gegenstände, Mappen und Bücher, wählte das ihm wertvoll erscheinende aus und sandte es im Frühjahr 1805 in mehreren Partien — insgesamt 44 Kisten — nach Wien. Es waren, wie schon aus der obigen Liste hervorgeht, zum weitaus überwiegenden Teil Akten, um die es sich hier handelte, und nur verhältnismäßig wenige Manu­skripte in unserem Sinne. Allerdings waren diese Akten durchwegs gebunden und so ist es bei den damals herrschenden Ordnungsgrundsätzen nicht weiter verwunderlich, daß sie zwar nicht gleich, aber in späterer Zeit in 1 Vgl. z. B. den Bericht in Reg. des StA. Z. 6/1840 und Winter, Die Gründung usw. S. 39. 2 Vgl. Bd. I S. 20*, 21*. * 5 Vgl. Bd. I S. 551 ff. und oben S. 120.

Next

/
Thumbnails
Contents