Inventare Teil 5. Band 4. Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs (1936)

Reichsarchive von Lothar Gross

Mainzer Erzkanzlerarchiv. 385 eingedrungene Wasser gelitten hatten. Er ließ Kiste für Kiste in den eigens für die Arbeit gemieteten Saal bringen und öffnen und verzeichnete deren Inhalt im einzelnen nach den auf den Faszikeln und Bündeln befindlichen Aufschriften, wobei sich ergab, daß nicht nur das sehr summarische Inven­tar von 1816 höchst ungenau war, sondern daß auch Reichsakten, die im Reichsarchiv liegen sollten, im Mainzer Landesarchiv lagen und umgekehrt, ja daß sogar oft in einem Faszikel Aktenstücke beider Provenienzen zu­sammengewürfelt waren. Von den Urkunden legte er einen Zettelkatalog an. Das Ergebnis von Baumgartners Arbeit, die er selbst nur als eine vor­läufige Aufnahme ansah, liegt in dem mit dem Buchstaben G bezeichneten heutigen AB. 144 vor. Baumgartner hat auch seinem Bericht eine ausführ­liche Würdigung des hohen Wertes des Erzkanzlerarchivs eingefügt und ist für dessen Vereinigung mit dem Wiener Reichsarchiv eingetreten. Für seinen Standpunkt in dieser Archivfrage und darüber hinaus für seine Auf­fassung von der Stellung Österreichs in Deutschland sind einige Sätze sehr bezeichnend und von allgemeinem Interesse, weshalb sie hier Platz finden mögen: „Die ursprüngliche und hauptsächlichste Bestimmung des letzteren (des StA.) als Archiv für das historische Staatsrecht des österreichischen Kaiserstaates im Auge behalten, ergibt sich von selbst, wie wichtig für dasselbe, ja integrierend dazugehörig das erzkanzlerische Reichsarchiv ist. Österreich wurde, wuchs und erstarkte im Reiche, durch das Reich und aus dem Reiche; aus dem Reiche hat es seine vorzüglichste geistige und politische Lebenskraft gezogen und sein Gedeihen, seine Größe, vielleicht selbst sein Bestehen ist wesentlich dadurch bedingt, daß es sich auf diese ursprüngliche Grundlage stellt und die heiligen Reste des Reiches auf­sammelt und bewahrt.“ Baumgartner hat dann 1847 seine Arbeiten in Frankfurt noch ergänzt; zu einer Aufnahme des Kurmainzischen Archivs kam es nicht mehr und nach dem bereits 1848 erfolgten Tode Baumgart­ners ruhte die ganze Sache, bis sie durch Chmel und Erb 1851 neuerdings beim Ministerium des Äußern betrieben wurde. Chmel hatte im Juli 1850 auf einer Studienreise auch die Frankfurter Archive besucht. Er traf die Mainzer Archive nicht mehr in den früheren Räumen an, sondern in zwei Gewölben zusammengepfercht, da die bisher für die Unterbringung des Archivs verwendeten Räumlichkeiten für einziehende bayrische Truppen hatten schleunigst geräumt werden müssen. Die Lokale, in denen nun die Kisten mit den Mainzer Archivalien lagerten, hatten nicht einmal Glas­fenster, sondern die Fensteröffnungen waren bloß notdürftig mit Brettern verschalt, die gegen Wind und Wetter keinen ausreichenden Schutz boten. Mit Recht konnte daher Chmel sagen, daß das Mainzer Archiv in Gefahr sei zu verfaulen, wenn es längere Zeit in diesem „interimistischen“ Raume bleibe. Auf Grund seines dem Ministerium vorgelegten Promemorias, das Erb mit der Anregung, das Archiv nach Wien zu schaffen, begleitete, ent­schloß man sich denn auch, den Abtransport des Archivs aus Frankfurt einzuleiten, und es ist vielleicht das größte Verdienst, das sich Chmel um die Wisssenschaft erworben hat, daß er durch seine Initiative das Mainzer Archiv vor dem Verderben rettete. Das Ministerium nahm die Anregung auf und beauftragte am 24. Juni 1851 den Gesandten am Bundestag Gra­Inventare des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs, Bd. 4. 25

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