Inventare Teil 5. Band 4. Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs (1936)
Reichsarchive von Lothar Gross
386 Reichsarchive. fen Friedrich Thun, sich über das Mainzer Reichsarchiv zu informieren und darüber zu berichten, ob ein Einspruch gegen eine allfällige Überführung desselben nach Wien zu gewärtigen sei,1 sowie jedenfalls Maßnahmen zur besseren Aufbewahrung desselben ins Auge zu fassen. Thun berichtete am 8. Juli, daß der gegenwärtige Aufbewahrungsort des Archivs derart schlecht sei, daß die Archivalien Schaden zu nehmen drohen, und daß seiner Meinung nach, da schon seit langer Zeit keine Reklamationen um Verabfolgung oder Einsicht von Akten von jenen Regierungen, an die seinerzeit Akten verabfolgt wurden, erhoben worden seien, es am besten sei, das Archiv nach Wien zu überführen,1 2 ohne vorher bei den betreffenden Regierungen zu sondieren. Auf Grund dieses Berichtes verfügte das Wiener Ministerium die Überführung des Mainzer Archivs nach Wien.3 Um Kosten zu ersparen, wurde Thun beauftragt, den billigeren Wasserweg zu wählen. Das Archiv sollte demnach auf dem Main bis Bamberg und von dort auf dem Ludwigskanal in die Donau und auf dieser bis Wien gebracht werden. Auf diese Art hätte ein Umladen des Archivs während des Transportes vermieden werden können. Am 1. Nov. 1851 konnte Thun den Abgang des Archivs melden.4 Die Verfrachtung besorgte der Frankfurter Spediteur Dresler auf dem von dem Höchster Schiffer Weingärtner geführten Schiffe „Venus“, das mit einer Ladung von Eisenbahnkesseln aus Köln nach Wien unterwegs war. Der Oberjäger G. Kralitschek vom 1. österreichischen Jägerbataillon, das damals in Frankfurt lag, wurde der Ladung zur Aufsicht beigegeben. Innerhalb eines Monates sollte das Schiff in Wien eintreffen. Es traf am 17. November in Bamberg ein, konnte aber die Fahrt nicht weiter fortsetzen, da der Ludwigskanal bereits zugefroren war. Um das schwierige und kostspielige Umladen und den Weitertransport per Achse zu vermeiden, wurde das Archiv bis zur Wiedereröffnung der Schiffahrt im königlichen Kanallagerhaus in Bamberg eingelagert. Am 8. April 1852 traf das Archiv dann endlich in Wien ein. Schon vor dem Abtransport des Archivs aus Frankfurt hatte Thun weisungsgemäß die zunächst beteiligten Regierungen von Hessen-Darmstadt und Bayern von der bevorstehenden Überführung des Mainzer Archivs nach Wien verständigt.5 Die hessische Regierung antwortete alsbald, daß sie gegen den Abtransport des Reichs- und Erzkanzlerarchivs nichts einzuwenden habe, sollten darunter noch den Kurstaat Mainz betreffende Akten sein, wäre ein Verbleiben derselben in Frankfurt wünschenswert, zumindest wäre erwünscht, daß ein Verzeichnis, zurückbliebe. Thun meinte, daß gegebenenfalls den Wünschen Hessens auch in Wien genügt werden könne. Bayern erteilte auf Thuns Mitteilung erst am 26. Nov. 1851 unter der Voraussetzung, daß „der allenfalls nötige Gebrauch der Akten jederzeit freistehe und dieses Archiv ungeteilt erhalten 1 Gesandtschaftsarchiv Frankfurt Weisungen Fasz. 20. 2 Ebenda Berichte Fasz. 49. 3 Die heute nicht auffindbare Weisung des Ministeriums datierte vom 21. Aug. 1851. 1 Vgl. die Berichte Thuns Nummer 41H vom 21. Sept. 1851, 52 E vom 28. Okt. 1851, 53 vom 1. Nov. 1851, 56 C vom 10. Nov. 1851, 21 vom 26. Nov. 1851, 64 vom 2. Dez. 1851 und 21 vom 9. Febr. 1852. Gesandtschaftsarchiv Frankfurt Berichte Fasz. 49 und 50. 5 Bericht Nr. 41H vom 21. Sept. 1851.