J. K. Mayr: Inventare Teil 5. Band 3. Metternichs geheimer Briefdienst. Postlogen und Postkurse (1935)

II. Die Postkurse - C. Der Kampf um Italien

werden konnte, da gelang es Toskana im August i8ij, seine Postkuriere bis nach Mantua vorzuschieben und sich damit eine selbständige Postverbindung mit der Lombardei zu eröffnen. War schon dies nicht ohne mancherlei Zwi­stigkeiten vor sich gegangen, so entwickelten sich diese sogleich zu einer ernsten Krise, als Sardagna im Jänner 1817 mit der Aufgabe nach Florenz entsendet wurde, den toskanischen Korrespondenzverkehr nach Frankreich einschließlich der Toskana passierenden römischen und neapolitanischen Brief­schaften über Mantua, den Sitz der österreichischen Hauptpostloge für Italien, zu leiten11). Sardagna stieß auf eine mißtrauische, ja feindselige Stimmung, die nicht nur den Minister des Äußern Fossombroni und die Staatsräte Neri Corsini und Frullari, sondern auch den Großherzog Ferdinand, den Bruder des Kai­sers Franz, erfüllte. Ängstlich hüteten sie das Geheimnis des toskanischen Post­netzes und eifersüchtig auf die Wahrung der Unabhängigkeit des Landes be­dacht, empfanden sie die Vorschläge, die ihnen Sardagna in Liliens Auftrag machte, als ein fremdes Joch und einen drückenden Tribut12). Denn dieser verlangte die Ableitung des toskanisch-französischen Postverkehrs auf die österreichische Route und zu diesem Zwecke die Eröffnung der fremden Transitpakete, dazu — gleichfalls aus politischen Gründen — die Einstellung der toskanischen Postkurierfahrten Florenz—Mantua. Namentlich diese letztere Forderung erhitzte so sehr die Gemüter, daß der toskanische Staatssekretär Humbourg mit der Ausweisung der lombardi­schen Postkuriere und Sardagna mit energischen Gegenmaßregeln drohte: „il est plus nécessaire d’imposer que de prouver“13). Schon waren darüber fünf Monate verstrichen, als Metternich, der eben die Erzherzogin Leopoldine, die Tochter des Kaisers, als Gemahlin Dom Pedros von Brasilien zur Einschiffung nach Livorno geleitete, persönlich in die Verhandlungen eingriff. Er ermäch­tigte Sardagna, den Toskanesen den Postkurier nach Mantua zuzugestehen und auf die Umleitung der toskanisch-französischen Korrespondenz zu ver­zichten, und verhütete damit den drohenden Bruch. Zugleich aber erkaufte er sich dadurch von Toskana das Recht, die Florentiner Postloge in österreichische Dienste zu stellen (S. 16 f). Am 24. Juli 1817 Unterzeich­neten Metternich und Fossombroni einen geheimen Postlogenvertrag, der Österreich ganz ungewöhnliche Vorrechte einräumte. Durch diesen Logen­vertrag wurden im geheimen die Zugeständnisse wieder ausgeglichen, die Sardagna machen mußte: wenn die Florentiner Postloge auch für Österreich arbeitete, dann war es ja gleichgültig, ob die toskanisch-französischen Kor­respondenzen über Österreich oder über Sardinien liefen. Damit hatte Metternich eine Lösung gefunden, die — ohne daß er da­mals davon Kenntnis erhalten hätte — von Löschner schon im April des Vor­jahres empfohlen worden war. Löschner war ein Gegner des von Lilien ent­wickelten Pacht- und Barriereplanes und ein Anhänger der Idee, diesen durch die Gewinnung der Florentiner Postloge zu ersetzen, die er in zwei ausführ­lichen Denkschriften niederlegte14). Liliens Pläne waren darin als „lauter Hypothesen“ und als seicht, undurchführbar, verräterisch und kostspielig ab­u) Instruktionen 17 I 25 Provinzen, Lomb.-Venezien 35. 12) Berichte Sardagnas 17 III 22, IV 12 Toskana, adm. Reg. Postwesen. 13) Berichte Sardagnas 17 IV 5, V 4 Toskana, adm. Reg. Postwesen. 14) Bemerkungen (Anm. 6 S. 11); Projekt (Anm. 3 S. 16). 64

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